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[2/100] Oscar Wilde – Das Bildnis des Dorian Gray

Teil 2 meines Projekts ist weit bekannter als das erste Buch. Der ein oder andere wird es bereits selbst gelesen haben. Warum ich denke, dass Das Bildnis des Dorian Gray seine Bekanntheit völlig zurecht hat, erfahrt ihr in diesem Beitrag.

 

Der Teufelspakt mit der ewigen Schönheit

Jeder dürfte schon einmal irgendwo ein Zitat gelesen haben, das mit Oscar Wilde unterschrieben war. Wilde ist für diese (scheinbar) geistreichen Äußerungen bekannt, auch wenn sie nicht immer sein eigenes geistiges Eigentum waren, worauf uns auch Lutz-W. Wolff in einer Anmerkung dieser Auflage noch einmal hinweist.

Doch auch unabhängig davon ist Das Bildnis des Dorian Gray ein Text, der sehr viel Potential zum Nachdenken und zur Interpretation bietet; zum Nachdenken über die Natur des Menschen, über Gut und Böse in uns und zum Verhältnis von Kunst und Kunstschaffenden. Ich mag solche Bücher, die tiefer sind, als nur die eigentliche Handlung, daher war auch dieser zweite Text meines 100-Bücher-Projekts gleich wieder ein Volltreffer. Es darf so weitergehen.

Und auch wenn man gerade zu faul ist, sich groß in Gedanken zu verlieren – das Schicksal Dorian Grays ist auch so packend und mitreißend. Doch welches Schicksal meine ich eigentlich? Kurz gesagt geht Dorian Gray einen Teufelspakt ein, ohne wirklich einem Teufel zu begegnen. Am besten ist, es einfach den Text selbst sagen zu lassen:

Ein Auszug aus Kapitel 7: 

Dorian warf sich in einen Sessel und versuchte, sich zu besinnen. Plötzlich zuckte ihm durch den Kopf, was er an dem Tag, als das Gemälde fertig geworden war, in Basil Hallwards Atelier gesagt hatte. Ja, er erinnerte sich genau. Er hatte den verrückten Wunsch geäußert, dass er jung bleiben und dafür das Gemälde altern sollte; dass seine eigene Schönheit unberührt bleiben und das Gesicht auf der Leinwand die Last seiner Leidenschaften und Sünden tragen sollte. Sein gemaltes Abbild sollte von den Furchen des Leidens und Grübelns versehrt werden, während er selbst die zarte Blüte und Schönheit des Jünglings behielt, der er sich damals gerade erst bewusst geworden war. Sein Wunsch war doch nicht etwa erfüllt worden? Solche Dinge waren unmöglich. Es schien monströs, so etwas auch nur zu denken.

Oscar Wilde: Das Bildnis des Dorian Gray

Doch es ist möglich. Möglich und auch absolut monströs. Alle Teenie-Mädchen, die sich genau das wünschen würden, ewige Jugend, um für immer auf Instagram jung aussehen zu können, seien gewarnt.

Natürlich befeuert Dorians nie verfallende Schönheit den gesellschaftlichen Tratsch. Natürlich fällt er in Verruf, denn es ist wider der Natur, vom Alter und vom Leben unberührt zu bleiben, irgendetwas kann mit diesem Menschen nicht in Ordnung sein. Doch Objekt des Tratsches zu sein, lässt sich überleben, gerade wenn man Adelig ist, Geld hat und ansonsten eine glatte, perfekte Oberfläche von sich präsentieren kann. Dorians dunkle Taten geschehen im Verborgenen und sein Gesicht bleibt davon unberührt, als hätte er – um das Bild wieder aufzugreifen – einen Instagramfilter darübergelegt.

Die Leute sagen, du verdirbst jeden, der sich mit dir einlässt. Es genüge schon, dass du ein Haus betrittst, um irgendeine Schande hineinzutragen.

Hier betreten wird die Ebene der Gesellschaftskritik. Ist die Gesellschaft nur ein Präsentieren künstlicher Oberfläche, nur Lug und Trug, während die wahre Persönlichkeit versteckt daheim bleiben muss?

Das wahrhaft tragische ist, dass er dieses Porträt besitzt, das ein Spiegel von ihm, oder genauer gesagt, seiner moralischen Sünden ist. Das Böse in ihm, das sich nicht an seinem Körper zeigt, es zeigt sich am Gemälde. Grausamkeit liegt ihm um den Mund, die Korruption seiner Seele wird deutlich sichtbar, statt in ihm vor Blicken verborgen zu sein.

Zuerst scheint es noch reizvoll, alle Freiheiten zu haben und das Bild darunter leiden zu lassen, vollends alle Möglichkeiten auszuleben, doch dieses Abbild des Selbst zu einem monströsen Ekel werden zu sehen ist hart. Niemand darf dieses Brandmal aller Sünden sehen, es muss versteckt bleiben. Und auch wenn die sichtbaren Folgen Dorians Lebens das Porträt tragen muss, es nimmt ihm nicht die Narben ab, die sich in sein Gedächtnis und in seine Seele brennen.

Wenn du das da aus deinem Leben gemacht hast, dann musst du ja noch schlimmer sein als alles, was die Leute über dich denken, die gegen dich sprechen!

Dunkle Geheimnisse besitzt Dorian genug, seine erste böse Tat ist, Sibyl Vane, seine Verlobte in den Selbstmord zu treiben. Weitere Taten folgen, sie alle sind am Bild ablesbar. Während Sibyl erkennt, dass Schauspielerei, dass Kunst nichts reales ist, sondern nur aufgesetzt, während Sibyl sich fühlt als wäre „meine Seele aus diesem Gefängnis befreit“, als sie erkennt, was wirklich wahr ist, wird Dorian Gray dagegen zu einem Stück Kunst, er wird Oberfläche statt Mensch. Es gibt schöne Kunst und hässliche Kunst. Welches davon Dorian ist, entscheidet die Qualität seiner Seele. Er hat die eigenen Abgründe stets selbst vor Augen.

Die Jahre treiben Dorian in den Wahnsinn. Er hat Angst davor, dass sein Geheimnis entdeckt wird, Angst, dass das Porträt entdeckt wird. Immer entsetzlicher wird die Monsterfratze, umso mehr Jahre sie zeichnen.

 

Daten zum Buch
Autor: Oscar Wilde
Titel: Das Bildnis des Dorian Gray
Jahr: 1891
Seiten: 348
Verlag: dtv
Kaufen: Amazon (Affiliate-Link) 

Es heißt, er hätte sich dem Teufel verkauft für ’ne hübsche Visage.

 

Ich habe mich zu Beginn meines Projekts gefragt, welche Bücher man unbedingt gelesen haben sollte. Nun, da ich es gelesen habe, muss ich sagen, dass Das Bildnis des Dorian Gray definitiv dazu gehört. Wirkt der Text in der Exposition der ersten Kapitel und gelegentlich in Dialogen etwas „dramenhaft“, ist er ansonsten „prosaischer“. Ich kann das Buch absolut empfehlen.

Die Ausgabe bei dtv bietet, wie eigentlich immer, eine tolle (Neu)übersetzung dieses Klassikers und hat einen hilfreichen und interessanten Anmerkungsapparat.
Punktabzug gibt`s aber für den lästigen Aufkleber, lieber dtv-Verlag. Wofür ein Aufkleber „Neuübersetzung“, wenn auch auf dem Cover groß steht, dass es eine Neuübersetzung ist?

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