Bücher

[4/100] Mary Shelley – Frankenstein

Frankenstein. Es gibt wohl wenige Namen in der Literatur, die solche Bekanntheit erlangt haben. Den Namen kennt jeder, vielleicht auch Grundzüge der Geschichte oder eine der Verfilmungen. Doch wie sieht es mit dem Roman selbst aus?

 

Als ein „Schauerroman“ wird dieses Buch bezeichnet. So viel vorneweg, das Buch selbst ist nicht im eigentlichen Sinn gruselig. Jedenfalls mir war beim Lesen nie zum Fürchten zumute. Gruselig könnte es aber durchaus werden, wenn man die moralischen Fragen und die Möglichkeiten, die in Frankenstein angedacht werden, für sich selbst weiterdenkt, doch das ist freilich individuell.

Ein Wunderkind geht zu weit

Aus einer Rahmenhandlung heraus erzählt Victor Frankenstein seine eigene Geschichte. Victor wächst in der Schweiz auf, in seiner Jugend entdeckt er seine Begeisterung für die Alchimie. Als er zum Studium nach Ingolstadt kommt, wird ihm schnell beigebracht, dass die Alchimie hoffnungslos veraltet ist, stattdessen wird er sich vor allem mit der moderneren Chemie beschäftigen. Frankenstein erweist sich als hochtalentierter Student.

Nach langem Forschen entdeckt Frankenstein den Ursprung des Lebens und erlangt die Fähigkeit, lebloser Materie Leben einzuhauchen. Er beschließt, mit diesen gottähnlichen Fähigkeiten ein menschenähnliches Wesen zu erschaffen. Nach über zwei Jahren Arbeit beendet Frankenstein in einer Novembernacht schließlich sein Werk und die Kreatur öffnet ihre Augen. Frankenstein bemerkt jedoch, dass er ein Monster von atemberaubender Hässlichkeit erschaffen hat, dessen Anblick kein Mensch ertragen kann. Er flieht aus seinem Labor und läuft vor seiner Schöpfung davon.

nun, da mein Werk vollbracht war, verblaßte der schöne Traum, und Abscheu und atemloses Grauen erfüllten mein Herz.

Doch Frankenstein wird von den Folgen seiner Schöpfung eingeholt. Unschuldige werden ermordet und Unschuldige stehen dafür vor Gericht. Frankenstein wird von seinem Gewissen und seiner Schuld in tiefe Verzweiflung gestürzt, die sich immer weiter steigert.

Ein Auszug aus Kapitel 7: 

Elisabeth weinte und war voller Trauer, doch auch ihr Leid war das Leid der Unschuldigen, das wie eine Wolke, die am hellen Mond vorbeizieht, ihn eine Weile bedeckt, ihm den Glanz aber nicht nehmen kann. Pein und Verzweiflung war ins Innerste meines Herzens gedrungen. Ich trug ein Höllenfeuer in mir, das durch nichts gelöscht werden konnte. Wir blieben einige Stunden bei Justine, und Elisabeth gelang es nur mit größter Anstrengung sich loszureißen. „Ich wünschte, ich könnte mit dir sterben“, rief sie. „In dieser Welt des Elends leben kann ich nicht.“

Mary Shelley: Frankenstein

Zwei Perspektiven, doppeltes Leid

Den ersten Teil der Geschichte erfahren aus Perspektive Frankensteins, wir hören von seiner Schuld und seinem Leid. Im zweiten Teil wechselt die Perspektive und das Monster selbst wird zum Erzähler. Frankensteins Kreatur berichtet, wie sie nach ihrer Schöpfung mit ihrem abscheuerregenden Äußeren zurechtkommen musste.

Das Monster hat sein eigenes Leid, das in ihm Bosheit und Hass auf die Welt und seinen Schöpfer wachsen lässt. Es ist nicht irrational, das Böse in ihm musste erst entstehen. Durch den Perspektivwechsel wird die greuliche Kreatur zu einem möglichen Ziel für unsere Empathie.

Von Schmerz entflammt, schwor ich der ganzen Menschheit ewige Rache und Haß.

Leid, Verzweiflung und Schuld sind in Frankenstein allgegenwärtig. Alles scheint in den Untergang zu führen. Frankenstein wird von seiner Kreatur vor eine Entscheidung gesetzt. Wir kennen beide Perspektiven, die Ängste, Schuldgefühle und moralischen Positionen beider. Das macht es schwer, eine Antwort auf dieses Dilemma zu finden.

Darf die Wissenschaft Gott spielen?

Es scheint nicht die beste Idee Victor Frankensteins gewesen zu sein, Gott zu spielen, denn seine Schöpfung führt zu einem höllischen Zustand. So bleibt die Frage, wie weit man beim Eingriff in die Natur gehen darf. Es ist eine Sache, die Frankenstein im Wahn seiner Forschung übersieht, die äußere Gestalt, doch diese eine Sache reicht bereits, um eine Katastrophe ins Leben zu rufen.

Es passt, dass Mary Shelley stark von John Miltons Paradise Lost, mit seinem Konflikt zwischen Gut und Böse und dem Ende des Paradies‘, beeinflusst wurde, worauf die Fußnoten der von mir gelesenen dtv-Ausgabe immer wieder Hintergrundinformationen liefern.

Dazu haben wir die Frage nach dem Schicksal derjenigen, die von der Gesellschaft ausgestoßen werden.

 

Daten zum Buch
Autor: Mary Shelley
Titel: Frankenstein
Jahr: 1818
Seiten: 301
Verlag: dtv
Übersetzer: Alexander Pechmann
Kaufen: Amazon (Affiliate-Link) 

 

Die Geschichte von Frankenstein und seinem Monster mag vielleicht nicht wie versprochen gruselig sein, doch auf jeden Fall ist sie beklemmend. Die Erzählung geht zügig voran, auch weil man stets auf einen Ausweg aus dem Leid sucht und auf eine Lösung hofft. Frankenstein ist ein lesenswerter Roman, der auch wegen seiner moralischen Fragen noch lange aktuell sein wird.

Zum Abschluss noch ein kleines Schmankerl aus dem umfangreichen Anhang der dtv-Ausgabe. In einer der Kritiken aus dem Jahr 1818 heißt es: „Unser Geschmack und unsere Urteilskraft protestieren gleichermaßen gegen diese Art von Literatur, und je größer das Talent, mit dem sie geschrieben wird, desto schlimmer.“ Bildet euch ein eigenes Urteil.

avatar
  Abonnieren  
Benachrichtige mich zu: