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[5/100] Patrick Süskind – Das Parfum

Oft wird Das Parfum als Schullektüre gelesen. Bei mir war es nicht so. Stattdessen wurde ich mit Max Frisch gefoltert. Doch war es vielleicht gut so? Hätte ich Das Parfum damals schon so gut gefunden wie heute? Ich weiß es nicht. Klar ist: Das Buch ist großartig.

 

Ein Genie, besessen bis in den Wahn

Es ist nun schon ein paar Tage her, seit ich Das Parfum gelesen habe. Teile der Erinnerung sind bereits verblasst, so wie ein Geruch, also wird es höchste Zeit.

Gerüche sind das zentrale Thema, um das sich in Das Parfum alles dreht. Unsere Hauptfigur, Jean-Baptiste Grenouille, wird im Paris des 18. Jahrhunderts geboren. Das Besondere an diesem Kind? Er riecht nach nichts. Bereits von frühester Kindheit an bringt ihm das das Misstrauen seiner Umwelt ein. Denn ohne Geruch ist es, als wäre er kein wirklicher Mensch. Fast wie Blinde, die „als Ausgleich“ ein besseres Gehör entwickeln, hat Grenouille aber einen übermenschlichen Geruchssinn. Er riecht Feinheiten, die andere nie erkennen würden, nimmt die Welt in Gerüchen wahr. Gerüche und Düfte werden Grenouilles Leben dominieren.

Ein Auszug aus Kapitel 7: 

Wählerisch ging er nicht vor. Zwischen dem, was landläufig als guter oder schlechter Geruch bezeichnet wurde, unterschied er nicht, noch nicht. Er war gierig. Das Ziel seiner Jagden bestand darin, schlichtweg alles zu besitzen, was die Welt an Gerüchen zu bieten hatte, und die einzige Bedingung war, daß die Gerüche neu seien. Der Duft eines schweißenden Pferds galt ihm ebensoviel wie der zarte grüne Geruch schwellender Rosenknospen, der stechende Gestank einer Wanze nicht weniger als der Dunst von gespicktem Kalbsbraten, der aus den Herrschaftsküchen quoll. Alles, alles fraß er, saugte er in sich hinein.

Patrick Süskind: Das Parfum

Grenouilles Kindheit lässt sich ohne Übertreibung dreckig nennen. Er wird von seiner Mutter ausgesetzt, von anderen Kindern gemieden, von mehreren Ammen verstoßen. Nur schwere Krankheiten scheinen seine Nähe zu suchen. Früh muss er bei einem Gerber arbeiten, was ihn eines Tages in die Werkstatt eines Parfümeurs führen wird. Zuvor ereignet sich jedoch noch eine folgenschwere Begegnung: Er wittert in der Stadt auf den Geruch eines Mädchens, ein Geruch, der so gut ist, dass er ihn besitzen muss. Vollends bezaubert erwürgt er das Mädchen und beschließt, fortan sein Leben dem Herstellen von Düften zu widmen und diesen einen Duft zu jagen.

Nein, den Duft des Mädchens hinter der Mauer wollte er sich wahrhaftig aneignen; ihn wie eine Haut von ihr abziehen und zu seinem eigenen Duft machen.

Vom Erzähler umschmeichelt

Das Parfum war ein Welterfolg. Nun nachdem ich es gelesen habe, kann ich sagen: völlig zurecht. Es fasziniert, wie alles im Buch um das Thema Gerüche aufgebaut ist. Wir übersehen es, wie wichtig Gerüche in unserem Leben sind. Das Parfum stößt uns direkt mit der Nase auf diesen Fakt, lädt uns dazu ein, uns Gedanken über Gerüche zu machen.

Grenouilles Geschichte selbst ist wie ein Duft. Er erscheint, macht sich bemerkbar wo er auftaucht, und am Ende seiner Geschichte verschwindet er wieder ins Nichts. Man könnte es auch ein Phantom nennen. Es bleibt nichts außer einer flüchtigen Erinnerung zurück. Eine kleine, unbedeutende Duftnote der Vergangenheit.

Der Erzähler wahrt in Das Parfum eine lakonische Distanz zu Grenouille und seinen Taten. Er schildert sie distanziert, er plaudert ganz locker ein wenig mit uns, wird nie zu stark emotional involviert und an seine Figuren gebunden. Grausamkeiten oder skurrile Szenen – Der Erzähler bleibt auf Distanz, wird dabei aber nie kalt, sein Ton ist warm, vertraulich und anschmiegsam. Er verliert sich auch nicht in Details, die Lebensgeschichte Grenouilles schreitet zügig voran. Dieser spezielle Erzählton hat mich ein wenig an Die Vermessung der Welt erinnert.

Schon nach wenigen Seiten bemerkt man, dass Das Parfum etwas besonderes ist. Dieses Buch erhält eine klare Leseempfehlung.

 

Es störte sie ganz einfach, dass er da war.
Sie konnten ihn nicht riechen.
Sie hatten Angst vor ihm.
Daten zum Buch
Autor: Patrick Süskind
Titel: Das Parfum
Jahr: 1985
Seiten: 320
Verlag: Diogenes
Kaufen: Amazon (Affiliate-Link) 

 

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