B. Traven – Das Totenschiff
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Ohne Geburtsurkunde ist man ein Toter

B. Traven war ein Revolutionär. Das zwang ihn, nach Mexiko zu fliehen. Dort schrieb er Das Totenschiff und noch viele weitere Bücher. Seine politische Einstellung kommt im Roman deutlich zum Vorschein. Dem Matrosen Gale bleibt nach endlosen Scherereien mit dem Staats und der Bürokratie als einziger Ausweg das Totenschiff Yorikke. Der am Anfang zufriedene Seemann ist auf einer Abwärtsspirale ohne Boden. Er versinkt im Elend.

Der Inhalt: Matrosen ohne Pass bleibt nur das Totenschiff

In Das Totenschiff erzählt der amerikanische Seemann Gerard Gale von seinem Schicksal. Wir befinden uns in einer Zeit kurz nach dem ersten Weltkrieg. Als sein Schiff im Hafen von Antwerpen anliegt, nutzt er einen Abend, um an Land seinen Lohn zu verprassen. Am nächsten Tag verschläft er und sein Schiff ist weg – damit auch all sein Besitz und vor allem: seine Seemannskarte.

Das stellt sich als gigantisches Problem heraus, denn ohne Seemannskarte kann er sich nirgends ausweisen und kein Kapitän will ihn anheuern. Damit beginnt eine Odyssee durch halb Europa. Er wandert von Land zu Land, von Belgien nach Holland und Frankreich und mehrmals auch wieder zurück. Überall gerät er früher oder später in eine Polizeikontrolle und weil er keinen Pass hat, wollen alle Gesetzeshüter ihn ausweisen – am liebsten nach Deutschland.

„Vielleicht bestreiten Sie gar, daß ich überhaupt geboren bin?“
„Richtig. Das bestreite ich. Die Tatsache, daß Sie hier vor mir stehen, ist kein Beweis für mich, daß Sie geboren sind. Ich habe es zu glauben. Wie ich zu glauben habe, daß Sie Amerikaner, das Sie Bürger sind.“

B. Traven – Das Totenschiff

Gale gilt als Staatenloser und kann der Bürokratie noch nicht einmal seine eigene Geburt beweisen. Die Absurdität des Systems macht ihn zu einem Toten. In Spanien scheint er schließlich Glück zu haben, dort wird er freundlich empfangen, bekommt Mahlzeiten und Geld. Im Hafen von Barcelona sieht er, wie ein völlig heruntergekommener Dampfer einläuft: Die Yorikke. Vom Kapitän der Yorikke bekommt er Arbeit an Bord angeboten. Weil ein Seeman nie Nein zu einem Job sagt, heuert Gale trotz Skepsis an.

Es stellt sich heraus, dass der Dampfer ein sogenanntes Totenschiff ist. Die Mannschaft besteht aus Matrosen, die wie Gale keine andere Wahl hatten, als auf die Yorikke zu gehen. Sie sind lebende Tote. Die Bedingungen an Bord sind unmenschlich, es gibt noch nicht einmal Besteck für die miserablen Mahlzeiten. Die Arbeit ist hart, die Mannschaft ist unterbesetzt, beim Lohn wurden falsche Versprechungen gemacht. Widerrede ist zwecklos. Die Yorikke ist eine einzige Abrechnung mit jeder Seefahrtsromantik. Paradoxerweise freunden sich sämtliche Matrosen irgendwann mit ihrer Lage an.

Man kann es immer wieder in den Sonntagsblättern lesen, in den Zeitschriften und in den Bekenntnissen erfolgreicher Männer, daß allein durch dieses freiwillige Mehrarbeiten, das Ehrgeiz, Strebsamkeit und den Wunsch, kommandieren zu dürfen, verrät, schon manch einfacher schlichter Arbeitsmann Generaldirektor oder Milliardär geworden sei und daß jedem, der diesen Spruch gewissenhaft befolgt, der gleiche Weg zum Generaldirektorposten offenstehe. Aber soviel Generaldirektoren und soviel Milliardärposten sind in ganz Amerika nicht frei.

B. Traven – Das Totenschiff

Im Hafen von Dakar entdeckt Gale die „Empress of Madagascar“. Das Schiff sucht neue Matrosen. Was wie ein unerwarteter Glücksfall scheint, stellt sich als Enttäuschung heraus. Die Empress soll versenkt werden, damit der Besitzer die Versicherungsprämie kassieren kann.

Auf einem Spaziergang wird Gale niedergeschlagen. Als er aufwacht, stellt er fest, dass er sich auf hoher See und an Bord der „Empress of Madagascar“ befindet.

Drei wichtige Motive der Geschichte

Bürokratie

Im ersten Teil des Romans wird die Absurdität der Bürokratie vorgeführt. Gale wird, egal wohin er kommt, von Polizisten nach Papieren durchsucht.

Wer keine Papiere hat, bekommt Probleme. Doch ohne alte Papiere, die der einzige gültige Beweis sind, dass jemand existiert, gibt es auch keine neuen. Ein Teufelskreislauf bürokratischer Sturheit. Der Mensch ist sein Dokument.

Staatenlosigkeit

Diejenigen ohne Pass sind staatenlos. Gale kann niemandem beweisen, dass er Amerikaner ist. Als Folge will ihn jeder Staat, in dem er ist, loswerden und abschieben. Keine staatlichen Autoritäten helfen ihm.

Die Staatenlosen sind wie Tote. Wenn sie in keinem Staat existieren, exisitieren sie dann überhaupt? Die Yorikke ist eine Ansammlung von Matrosen mit ähnlichem Schicksal.

Kapitalismus

B. Traven nutzt die Yorikke, um die Ausbeutung der „einfachen Arbeiter“ zu kritisieren. Gerard Gale muss rund um die Uhr in elenden Bedingungen schuften. Lohn bekommt er dafür kaum, bei den Verhandlungen wurde er betrogen.

Der Traum vom Aufstieg durch harte Arbeit wird an vielen Stellen zynisch und ironisch kritisiert. Egal was Gale tut, es gibt keine Aussicht auf Verbesserung seiner Lage.

Meine Meinung zu Das Totenschiff

Mein Fazit zu Das Totenschiff ist zwiegespalten. Der erste Teil des Romans hat mich noch gut unterhalten. Das Hin und Her zwischen verschiedenen Staaten und die verzweifelten Versuche, irgendwo einen neuen Ausweis zu bekommen, bieten einige komische Szenen. Die Bürokratie wird ad absurdum geführt.

Sobald Gale jedoch auf der Yorikke landet, verändert sich das Buch deutlich. Ein viel zu langer Abschnitt beschränkt sich fast ausschließlich auf die Schilderung der Arbeitsbedingungen an Bord und die Vorstellung der Mannschaft. Dieser Teil wurde mir irgendwann zu übertrieben dystopisch. Die politische Botschaft wird mehrfach direkt herausgeschrien, was nicht besonders interessant ist.

Am Ende war Das Totenschiff relativ enttäuschend und ich würde den Roman nicht weiterempfehlen.

Der Autor: B. Traven

B. Traven (c) Archiv Diogenes Verlag
B. Traven (c) Archiv Diogenes Verlag

B. Traven (1882 – 1969) war ein deutscher Schriftsteller. Der Name ist ein Pseudonym. Wie er richtig hieß, ist bis heute umstritten. Wahrscheinlich handelt es sich bei B. Traven um den Journalisten und (erfolglosen) Schauspieler Otto Feige.

Traven war in München Herausgeber einer anarchischen Zeitschrift und 1919 Leiter der Presseabteilung der Räterepublik. Nach Scheitern dieser Revolution wurde er verhaftet. 1924 floh er nach Mexiko, von wo aus er fortan schrieb und veröffentlichte. Charakteristisch für seine Werke ist eine proletarische Perspektive, Kapitalismuskritik und das Auflehnen Benachteiligter.

Verschiedene Titel des Autors (Auswahl):

  • Der Schatz der Sierra Madre

  • Die weiße Rose
  • Die Brücke im Dschungel

Daten und Links zum Buch

  • Autor: B. Traven
  • Titel: Das Totenschiff
  • Verlag: Diogenes
  • Seiten: 320
Cover zu B. Traven - Das Totenschiff

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