Erich Maria Remarque – Im Westen nichts Neues
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Wie viele Bücher kennt man, ohne sie aber gelesen zu haben? Im Westen nichts Neues war bei mir eines davon. Was so ungefähr in Erich Maria Remarques berühmten Roman über den Ersten Weltkrieg stehen könnte, kann man erahnen, umso mehr wenn man sich für Geschichte interessiert. Doch natürlich ist das nicht dasselbe. Nun kann ich behaupten, eine weitere Bildungslücke geschlossen zu haben. Und allen anderen, in deren Kopf schon lange herumgeistert, dass sie dieses Buch eigentlich mal lesen müssten, denen kann ich sagen: Greift zu, es ist seine Zeit wert.

Der Inhalt: Das Leben als Soldat im Ersten Weltkrieg

Tod, Essen und Kameraden – Im Westen nichts Neues ist schon zu Beginn frei von jeder heroischen Romanik, mit der der Dienst als Soldat in der Heimat verklärt wird. Dass der Stellungskrieg an der deutsch-französischen Front wenig Ehrenhaftes und wenig Ruhm an sich hat, bemerken der 19jährige Paul Bäumer und der Rest seiner Abschlussklasse vom ersten Tag an.

In der Heimat noch ließen sie sich mit patriotischen Reden zum Militär bringen, nun sitzen die jungen Männer Seite an Seite im Latrinenhäuschen und ihre Hauptsorge ist ihre Verpflegung. Über ihnen fliegen die feindlichen Geschütze. Sie haben gelernt, die verschiedenen Modelle am Ton zu unterscheiden.

„Es ist komisch, wenn man sich das überlegt“, fährt Kropp fort, „wir sind doch hier, um unser Vaterland zu verteidigen. Aber die Franzosen sind doch auch da, um ihr Vaterland zu verteidigen. Wer hat nun recht?“
„Vielleicht beide“, sage ich, ohne es zu glauben.

Erich Maria Remarque – Im Westen nichts Neues

Kommt es zu einer Offensive, kehrt meistens nur die halbe Kompagnie lebend zurück. Vor allem die Rekruten ohne Erfahrung sterben wie Fliegen. An Boden gewinnt niemand, weder Frankreich noch das Kaiserreich. Die Tage, an denen es gute Verpflegung gibt und die Kameradschaft unter den Soldaten sind die Lichtblicke im Alltag.

Paul Bäumer erlebt, wie Freunde sterben und andere für immer verwundet werden. Er lebt im Elend, jederzeit umgeben vom Tod. Der größte Schock allerdings sind die Eindrücke, die ein kurzer Heimaturlaub bei seiner Familie hinterlässt. Es ist als beträte er eine fremde Welt.

Paul überlebt den Krieg länger als viele, man könnte auch sagen er muss ihn länger ertragen als viele. Egal was die Generäle sich ausdenken, die Verpflegungslage wird immer schlimmer und am Frontverlauf ändert sich wenig. Es gibt im Westen nichts Neues zu melden.

Müller ist tot. Man hat ihm aus nächster Nähe eine Leuchtkugel in den Magen geschossen. Er lebte noch eine halbe Stunde bei vollem Verstande und furchtbaren Schmerzen. Bevor er starb, übergab er mir seine Brieftasche und vermachte mir seine Stiefel – dieselben, die er damals von Kemmerich geerbt hat. Ich trage sie, denn sie passen mir gut. Nach mir wird Tjaden sie bekommen, ich habe sie ihm versprochen.

Erich Maria Remarque – Im Westen nichts Neues

Mein Fazit: Die Sprache lässt das Bild vom Weltkrieg realistisch wirken

Die pragmatisch-simple Sprache des Erzählers passt zur Figur des Soldaten im Krieg. Hier ist kein Platz für Überflüssiges, hier ist kein großer Schmuck. Hier zählt das Schlichte und Wesentliche, Klarheit ist Trumpf. An der Front ist keine Zeit, lange um den heißen Brei herumzureden.

Wäre das Buch anders geschrieben, etwa „literarischer“, dann würde es wahrscheinlich unglaubwürdig werden. Noch dazu würde die Sprache vom Inhalt ablenken. Doch auf diese Weise bekommen wir den Realismus und die Nähe, die die Atmosphäre des Kriegs auch auf dem Papier wirken lassen. Die Geschichte fühlt sich nicht wie ein Roman an, sie wirkt wie ein Erlebnisbericht.

Wer sich ein wenig mit Geschichte und dem Ersten Weltkrieg beschäftigt hat und sich vor allem für Technik und Frontverlauf interessiert, der wird aus diesem Text wenig Neues lernen. Die Stärke und der Kern von Im Westen nichts Neues sind dieser Einblick in das Innenleben eines Individuums, der hängen bleibt. Was macht der Krieg mit denen, die ihn kämpfen müssen?

Besonders herausgestochen hat für mich die Episode von Paul auf Heimaturlaub. Wie komplett unterschiedlich die Probleme zu Hause und an der Front sind, wie komplett verschieden die Wahrnehmung und Zuversicht was den Krieg angeht – Das Bild des patriotischen Kämpfers, der in Frankreich Ruhm und Ehre erwirbt, ist vor Ort nur mehr eine zerplatzte Illusion.

Zum Glück ist das Buch nicht nur ernst. Zumindest für mich hatten die Szenen, in denen die Männer vor allem das Stehlen von Essen im Kopf haben, doch auch etwas Komisches. Ruhm, Ehre, Vaterland: Alles egal, ein möglichst großes Mittagessen muss her!

Auch wenn Kriege heute komplett anders aussehen als damals, ist dieser Roman für mich definitiv lesenswert.

Ein fürchterliches Gefühl der Fremde steigt plötzlich in mir hoch. Ich kann nicht zurückfinden, ich bin ausgeschlossen; so sehr ich auch bitte und mich anstrenge, nichts bewegt sich, teilnahmslos und traurig sitze ich wie ein Verurteilter da, und die Vergangenheit wendet sich ab. Gleichzeitig spüre ich Furcht, sie zu sehr zu beschwören, weil ich nicht weiß, was dann alles geschehen könnte. Ich bin ein Soldat, daran muss ich mich halten.

Erich Maria Remarque – Im Westen nichts Neues

Der Autor: Erich Maria Remarque

Erich Maria Remarque
(Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-R04034)

Erich Maria Remarque (1898 – 1970) war ein deutscher Autor. Im Ersten Weltkrieg wurde er als Reservist für die Westfront rekrutiert, wo er nach wenigen Wochen verwundet ins Lazarett eingeliefert wurde. Danach arbeitete er als Redakteur und Texter.

Bekanntheit als Schriftsteller erlangte er mit seinem Kriegsroman Im Westen nichts Neues. Weil Nationalsozialisten seine Werke verboten, musste Remarque in die USA emigrieren. Häufige Bestandteile seiner Werke sind der Krieg, seine Folgen und was er aus den Beteiligten macht.

Verschiedene Titel des Autors (Auswahl):

  • Drei Kameraden
  • Die Nacht von Lisabon
  • Der Weg zurück

Daten und Links zum Buch

  • Autor: Erich Maria Remarque
  • Titel: Im Westen nichts Neues
  • Verlag: KiWi
  • Seiten: 336

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