George Orwells 1984 – Die neuen Übersetzungen im Vergleich
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Seit Anfang des Jahres sind die Bücher von George Orwell rechtefrei, denn der Tod des Autors liegt nun über 70 Jahre zurück. Als Folge lässt es sich gefühlt kein Verlagshaus nehmen, eine eigene Neuübersetzung von 1984 oder Animal Farm auf den Markt zu werfen. Bisher lagen die deutschen Rechte alleine bei Ullstein. Zehn verschiedene Übersetzungen des gleichen Buchs? Natürlich, dafür ist immer Geld da! Aber die Texte von Orwell sind eben Prestigeobjekte, die sich die Verlage gerne ins Programm nehmen.

Doch zu welcher Übersetzung sollen wir nun greifen? Sind sie nicht alle im Prinzip gleich? Falsch gedacht. Beim Durchsehen der Leseproben ist mir aufgefallen, wie unterschiedlich die einzelnen Versionen doch ausfallen. Und weil es wie gesagt im Moment eine wahre Flutwelle an Neuübersetzungen gibt, gönne ich mir das Vergnügen, ein paar davon zu vergleichen.

Um die Unterschiede zu zeigen, reicht es, die ersten paar Sätze der Leseproben zu nehmen. Wollen wir doch sehen, welche davonnäher am Originaltext ist und welche sich mehr traut. Folgende Versionen habe ich ausgewählt:

ÜbersetzerVerlagJahrZum Buch
Original – George Orwell1949Auf Amazon
Gisbert HaefsManesse2021Auf Amazon
Lutz-W. Wolffdtv2021Auf Amazon
Frank HeibertFischer TOR2021Auf Amazon
Eike SchönfeldInsel Verlag2021Auf Amazon

Die Verlage haben in der Tat keine Kosten und Mühen gescheut. Die Übersetzer gehören zu den bekanntesten und wohl auch besten Übersetzern englischsprachiger Romane.

Die ersten drei Sätze der 1984-Übersetzungen im Vergleich

Nun aber ab in den Text. Beginnen wir mit dem ersten Satz:

It was a bright cold day in April, and the clocks were striking thirteen.

George Orwell – 1984 (Originaltext)

Die deutschen Texte machen daraus folgendes:

G. Haefs – ManesseL. Wolff – dtvF. Heibert – Fischer TORE. Schönfeld – Insel
Es war ein klarer, kalter Tag im April, und die Uhren schlugen dreizehn.Es war ein heller, kalter Apriltag. Die Uhren schlugen dreizehnmal.Es ist ein strahlendkalter Apriltag, und gerade schlägt’s dreizehn.Es war ein heller, kalter Apriltag, und die Uhren schlugen dreizehn.

Schon hier stechen zwei Texte heraus: Wolff macht aus einem Satz zwei – vielleicht ein Hinweis auf eine Übersetzung in vereinfachter Sprache. Und Frank Heibert? Nicht nur, dass „es“ statt der Uhren dreizehn schlägt, er verwendet eine ganz andere Zeitform. Präsens statt Imperfekt. Das ist mehr als nur eine kleine Änderung am Text.

Winston Smith, his chin nuzzled into his breast in an effort to escape the vile wind, slipped quickly through the glass doors of Victory Mansion, though not quickly enough to prevent a swirl of gritty dust from entering along with him.

George Orwell – 1984 (Originaltext)

Der zweite Satz ist etwas länger, aber trotzdem kein komplizierter Satz.

G. Haefs – ManesseL. Wolff – dtvF. Heibert – Fischer TORE. Schönfeld – Insel
Winston Smith drückte das Kinn auf die Brust, um dem beißenden Wind zu entgehen, und schlüpfte schnell durch die Glastüren der Victory Mansions, aber nicht schnell genug, um zu verhindern, dass ein Wirbel grobkörnigen Staubs mit ihm hineingelangte.Winston Smith drückte sein Kinn auf die Brust, um dem scheußlichen Wind zu entgehen. Eilig schlüpfte er durch die Glastür der Victory-Mansions, aber nicht schnell genug, um zu verhindern, dass eine rußige Staubwolke mit ihm hereinwirbelte.Winston Smith schlüpft, das Kinn auf die Brust gedrückt, um dem fiesen Wind zu entgehen, rasch durch die Glastür in die Victory Mansions, aber nicht schnell genug, um den hereinwirbelnden körnigen Staub draußen zu halten.Winston Smith, das Kinn an die Brust gedrückt, um dem scheußlichen Wind zu entrinnen, schlüpfte rasch durch die Glastüren der Victory Mansions, wenn auch nicht rasch genug, um zu verhindern, dass ein sandiger Staubwirbel mit ihm hineingelangte.

Auch hier macht Lutz-W. Wolff aus einem Satz wieder zwei. Kann man hier ohne Probleme machen. Und Frank Heibert bleibt im Präsens. Hier merkt man, wie stark das den Text verändert. Man ist „näher dran“ und wahrscheinlich wird die Dystopie im weiteren Verlauf dadurch dramatischer und soll bedrohlicher wirken.

Ein Detail am Anfang: Bei drei der Texte drückt Winston sein Kinn an die Brust – eine aktive Handlung. Eike Schönfeld bleibt näher an Orwell, wo das Kinn gedrückt ist – eine passive Beschreibung. Auch hier ist der Effekt, dass der Text leicht an Dynamik dazugewinnt.

Die Victory Mansions heißen in meiner älteren Ullstein-Ausgabe noch Victory Mietskaserne. Ob er nun eilig, schnell oder rasch durch die Glastür schlüpft – geschenkt. Beim „gritty dust“ passt das sandig oder körnig etwas besser als das rußig, aber auch das verändert meiner Ansicht nach nur wenig.

The hallway smelt of boiled cabbage and old rag mats.

George Orwell – 1984 (Originaltext)

Einer geht noch. Diesmal wieder ein kurzer Satz und eigentlich sollte es hier zu keinen großen Unterschieden kommen.

G. Haefs – ManesseL. Wolff – dtvF. Heibert – Fischer TORE. Schönfeld – Insel
Im Hausflur roch es nach gekochtem Kohl und alten Fußmatten.Im Hausflur roch es nach gekochtem Kohl und alten Fußabtretern.Im Flur riecht es nach gekochtem Kohl und alten Fußabtretern.Im Flur roch es nach gekochtem Kohl und alten Lumpenmatten.

Einen Unterschied gibt es eigentlich nur bei der Frage, ob es nun Fußmatten oder Lumpenmatten sind. Bisher war Eike Schönfeld eigentlich immer am nähesten an Orwell. Wortwörtlich genommen sollte er auch hier wieder näher dran sein, doch unter einer Fußmatte kann ich mir erst mal mehr vorstellen, als unter einer Lumpenmatte.

In der älteren Ullstein-Übersetzung von Michael Walter riecht es im Übrigen nach „Kohlsuppe und Flickenteppichen“ – gefällt mir persönlich an dieser Stelle am besten.

Wer das Spiel nun selbst noch fortsetzen möchte, der findet hier die Links zu den Leseproben, die ich verwendet habe:

Gretchenfrage: Welche Übersetzung ist denn jetzt die beste?

Ganz egal ist es am Ende also nicht, welche der Neuübersetzungen von 1984 man wählt. Schon die ersten drei Sätze beweisen das.

Wer möglichst nah am Original bleiben will, sollte zu der von Eike Schönfeld übersetzten Ausgabe im Insel Verlag greifen. Und auch bei Manesse und Gisbert Haefs wird man in diesem Fall nichts verkehrt machen. Anders als bei Insel bekommt man hier sogar ein vorzeigbares Cover.

Lutz-W. Wolff und die dtv-Ausgabe machen es leicht, in den Text einzusteigen. Die gekürzten Sätze lesen sich schneller, Puristen werden vielleicht nicht ganz zufrieden sein. Dazu leistet sich dtv mit der Wahl eines Politikers als Vorwortgeber einen gelungenen Meta-Gag. So viel Humor sieht man in der Buchbranche selten.

Frank Heibert sticht wie wir gesehen haben deutlich heraus. In seinem Fall ist es ausnahmsweise keine Phrase, wenn man die Übersetzung „mutig“ nennt. Die Zeitform zu ändern ist ein radikaler Eingriff und schiebt den Text in Richtung Thriller. Diese Version ist eindeutig eine Frage des persönlichen Geschmacks.

Und auch die Ullstein-Übersetzung von Michael Walter aus dem Jahr 1984 ist nach wie vor kein Stück veraltet.

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Manesse
Gisbert Haefs
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Trefft eure Wahl 😉

Kommentare

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  1. Lieber Florian,

    ein sehr interessanter Beitrag, vielen dank dafür. Ich habe mich auch schon gefragt, zu welcher Neuübersetzung ich greifen soll. Meine alte Ausgabe von 1984 ist auch echt wenig ansehnlich. Meine Tendenz war bisher die Ausgabe vom Inselverlag. Tatsächlich gefällt mir diese am besten und so wie Du es darstellst, scheint sie sich auch mit am stärksten am Original zu orientieren. Die Übersetzung von Heibert sagt mir in Deinen Beispielen am wenigsten zu. Die Formulierung „fiesen Wind“ finde ich jetzt beispielsweise ein wenig zu umgangssprachlich von der Wortwahl.

    Liebe Grüße
    Tobi

    • Hey Tobi,

      da stellt sich wohl wirklich die Frage Neuinterpretation vs. orignalgetreue Übersetzung. Dir scheint es zu gehen wie mir, dass du zweiteres bevorzugst. Freut mich, wenn mein Beitrag dir da weiterhelfen konnte.
      Hätte der Insel-Verlag bloß nicht dieses Cover 😅

  2. Lieber angehender Literaturwissenschaftler, der zwangsläufig ab und an ein Buch in die Hand nimmt – war das nun ernst gemeint oder Selbstironie? Von Handwerkern erwartet man doch auch, daß sie hin und wieder mal einen Hammer heben oder einen Pinsel schwingen?
    Ich bin durch Zufall hier gelandet und doch ziemlich verblüfft. So wie man bekanntlich kein Buch nach dem Einband beurteilen soll, so wenig lässt sich an drei (nur 3!) Sätzen im Vergleich doch keine Übersetzungsleistung und Nähe zum Original bewerten. Ganz unabhängig vom persönlichen Geschmack mache ich doch eine Kaufentscheidung nicht davon abhängig, ob mir die Formulierung „fieser Wind“ nun besonders gefällt. Das wollte ich nur mal zu bedenken geben. Und eine originalgetreue Übersetzung ist ein weites Feld, darüber gehen die Meinungen der Fachleute sehr auseinander.

    Vermutlich kann man meine Zeilen jetzt nicht lesen, weil ich meine Daten hier nicht eingegeben habe – aus den Sozialen Medien habe ich mich weitgehend zurückgezogen und mein Blog inzwischen gelöscht. Ich versuche es aber mal.
    Ich wünsche Ihnen oder Dir, dass Du/Sie in Zukunft öfter mal Zeit zum Lesen findest – grau ist alle Theorie.

    • Liebe/r Anonym

      Ich hoffe du hast nicht erwartet, dass ich vier, fünf Bücher kaufe, durchgehe und bis ins letzte Detail analysiere. Das wäre für meine Zwecke ein schlechtes Aufwand-Nutzen-Verhältnis.
      Mein Ziel ist es, die verschiedenen Varianten vorzustellen und dieses Ziel erfüllt der Beitrag am Ende ganz gut. Die exemplarische Auswahl bietet einen ersten Eindruck. Ich habe Bewusst den Anfang gewählt, weil gerade der Anfang meistens zu den wichtigsten Stellen eines Romans gehört.
      Wer daraus nun aber eine Doktorarbeit machen will, dem überlasse ich dieses Thema nur allzu gerne und bin defintiv auch am Ergebnis interessiert. Falls du selbst diese Mühe auf dich nehmen willst, bin ich gerne bereit, dem Ergebnis hier auch eine Plattform zu bieten – mein Blog ist für gute Gastbeiträge offen.

      Man soll ein Buch nicht nach seinem Einband beurteilen, tut es aber in den meisten Fällen dennoch. Ersteindruck. Manchmal korrigiert man das Urteil später, manchmal kriegt das Buch die Chance dazu gar nicht.

      Wenn du davon ausgehst, dass dieser Blog irgendwelche wissenschaftlichen Ansprüche hegt, dann bist du leider auf der falschen Seite gelandet. Sorry! Der Zufall war dir ein schlechter Wegweiser, hier geht es einzig und allein um einen individuellen Geschmack. Für wissenschaftliche Aufsätze wende dich bitte an einschlägige Datenbanken und die nächstgelegene Universitätsbibliothek.

      Insgesamt ein sehr bissiger Kommentar, der im Grundton seltsam aggressiv ist und mit dem Versuch einer Spitze beginnt und endet. Ich sehe den Sinn nicht ganz, warum man dabei meine Person ins Spiel bringen muss. (Angehend ist im übrigen nicht mehr ganz aktuell, ich habe den Abschluss in der Tasche und plane darüber hinaus keinesfalls eine wissenschaftliche Karriere. Um Gottes Willen!) Grau ist alle Theorie, so ist es, deshalb wende ich mich lieber bunteren Dingen zu und verzichte die Fesseln ersterer.
      Und um das Rätsel für dich noch zu lösen: Selbstironie. (Ja, ich weiß, Humor ist im Internet eine schwierige Disziplin)

      Nichtsdestotrotz freut es mich, dass du dir die Zeit genommen hast, dich so genau mit meinem Beitrag auseinanderzusetzen.

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