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Hans Traxler – Die Wahrheit über Hänsel und Gretel

Manchmal steckt in alten Legenden mehr als nur ein kleiner Kern an Wahrheit. Schließlich wurde ja auch Troja gefunden. Georg Ossegg war schon immer überzeugt, dass in den alten Märchen ein wahrer Kern steckt.  Ein Spaziergang im Spessart erinnert ihn an die Geschichten seiner Kindheit und so beschließt er, sich auf die Spuren von Hänsel und Gretel zu machen.

Das Schicksal ist Ossegg gnädig. Er findet tatsächlich nicht nur den richtigen Wald, sondern stößt auch auf die Stelle, an der das Hexenhaus aus dem Märchen stand. Seine Ausgrabungen und weitere Nachforschungen bringen Unglaubliches zu Tage: Er findet nicht nur das originale Lebkuchenrezept der Hexe, er entschlüsselt auch die tatsächliche Geschichte von Hans und Grete Metzler und der „Bakkerhexe“ Katharina Schraderin.

Die Kunst der Fälschung

Das Tolle an diesem Buch ist, dass es selbstverständlich von vorne bis hinten erstunken und erlogen ist. Wäre etwas an der Geschichte dran, wir hätten sicher schon einmal davon gehört.

Und doch schlug das Buch nach seinem Erscheinen große Wellen, die vermeintlichen Ergebnisse der Forschung Georg Osseggs waren sensationell. Haben die Brüder Grimm mit ihrem Märchen einen Kriminalfall vertuscht?
Als halbwegs gebildeter Mensch kann man davon ausgehen, dass man zumindest schon einmal von den wahren Hintergründen des Märchens gehört hätte, würde es sie geben. Dementsprechend wird man das Buch mit Skepsis lesen. Doch es ist schnell klar, warum die Fälschung funktionieren konnte.

Was hat dazu geführt, dass Traxlers Bericht glaubwürdig erschien?

Die Kunst besteht darin, das Werk wie einen ernsthaften, wissenschaftlichen Bericht aussehen zu lassen. Was dabei hilft, sind ein paar geschickt platzierte Literaturhinweise am Ende, aber vor allem die vielen Abbildungen.
Bilder haben eine noch stärkere Macht als Texte, uns Dinge glauben zu lassen. Wir sehen es schließlich, also muss es auch wahr sein, oder nicht?
41 Abbildungen finden sich im Buch, manche davon sind nur Skizzen und Zeichnungen, andere sind tatsächliche Fotos, die Georg Ossegg bei seinen Ausgrabungen, oder das, was er dabei gefunden hat, zeigen.
Dass Traxler für die „Ausgrabungsfotos“ einfach nur in die Grube einer Baustelle gehüpft ist, dass die gefundenen Backutensilien der Hexe aus der Puppenküche seiner Tochter stammen – geschenkt. Geschickt arrangiert und fotografiert ist der Unterschied nicht zu sehen. Wir in unserem Instagramzeitalter sind gestellte Fotos um einiges gewöhnter als das Publikum der 60er.

Der Schwindel könnte auch als Filmdokumentation ganz wunderbar funktionieren. Ein paar eindrucksvolle Bilder und so erzählt, als wäre es wahr – genügend Leute würden es glauben. Hier wären wir wieder beim Thema Fake News: 
Man muss nur so tun, als wäre es wahr, darf nicht zu sehr übertreiben, und die Leute werden glauben, dass es wahr ist. Vielleicht auch, weil sie sich wünschen, dass es wahr ist.

Der wichtigste Fund glückte ihm [Georg Ossegg], als er unmittelbar an der Ostwand des Hauses einen Stollen nach außen trieb (Abb. 15 und 16).
Nach wenigen Metern stieß sein Spaten auf eine kleine eiserne Truhe, die mehrere schwärzliche Bruchstücke eines Lebkuchens barg, daneben Backgeräte verschiedenster Art, sowie ein handgeschriebenes Backrezept (Abb. 17,18 und 19).
Nach den Überresten eines Ställchens, in dem Hänsel eingesperrt gewesen sein soll, grub er lange, aber vergeblich. Es gab gar kein solches Ställchen, und wir werden noch sehen, warum.

Die Wahrheit über Hänsel und Gretel (7. Kapitel)

Ein Werk mit langer Nachwirkung

Die Wahrheit über Hänsel und Gretel ist ein herrliches Buch. Natürlich ist die Story frei erfunden, nichts weiter als ein sehr gut gemachter Fake. Durch die zahlreichen (gestellte) Bilder, Fußnoten und ein Literaturverzeichnis entsteht der Eindruck, als hätte man es tatsächlich mit einer wissenschaftlichen Dokumentation zu tun.

Kein Wunder also, dass es kurz nach Erscheinen viele Leser gab, die den Inhalt für bare Münze hielten. Noch 40 Jahre später erreichten Hans Traxler regelmäßig Leserbriefe.

Wunderbar ist auch der Anhang zur Entstehungsgeschichte in der Reclamausgabe, in dem Pressereaktionen und Leserbriefe von 1963/64 gesammelt sind, aus der Zeit vor und nach der Aufdeckung der „wahren Wahrheit“.

Für eine derart unwissenschaftliche Arbeit hätte ich niemals DM 9,80 ausgegeben.

Leserbrief zu Die Wahrheit über Hänsel und Gretel

Die Daten zum Buch

Autor: Hans Traxler
Titel: Die Wahrheit über Hänsel und Gretel
Jahr: 1963
Seiten: 149
Verlag: Reclam
Kaufen: Verlag | Amazon (Affiliate-Link)

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