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Jack London – Die eiserne Ferse

Welche Enttäuschung ist ähnlich groß als die, ein Buch eines seiner Lieblingsautoren todlangweilig zu müssen? Leider ist genau das bei Die eiserne Ferse der Fall. Ich kann dem Buch nichts gutes abgewinnen und war selten erleichtert, es zuschlagen zu können.

 

Der Rahmen wird gerne mal weggelassen

Zunächst muss man bei diesem Buch unbedingt auf die Erzählsituation hinweisen, um es vernünftig zu verstehen. Jack London entwickelt hier eine Herausgeberfiktion: Im 27. Jahrhundert wird in einem Versteck ein Manuskript gefunden, das von Avis Everhard verfasst wurde. Avis Everhard war die Gattin des Sozialistenführers Ernest Everhard, der in den niedergeschlagenen Aufständen und Revolutionen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine gewichtige Rolle spielte.
An sich ein interessanter Kunstgriff, mit dem sich sicherlich einige gute Geschichten erzählen ließen – theoretisch, aber nicht hier.

Diese Information erhält der Leser aus einem Vorwort des fiktiven Herausgebers, das seltsamerweise allerdings in einigen deutschen Auflagen des Buches – so auch in meiner – fehlt. Hat man diese Information nicht, kann der Einstieg in den Text sehr merkwürdig werden. (Diese Entscheidung des Verlags wird noch merkwürdiger dadurch, dass im Nachwort des realen Herausgebers auf das gelegentliche Fehlen des Vorwortes hingewiesen wird. Wtf?) Unterstützt wird die Herausgeberfunktion von Zahlreichen Fußnoten, die dem fiktiven Leser des 27. Jahrhunderts weiteres Hintergrundwissen zur Zeit Everhards liefern.

Wer genau sind nun Avis und Ernest Everhard und was ist ihre Geschichte?

Sozialismus, Sozialismus und noch mehr Sozialismus

Avis ist eine Tochter aus wohlhabendem Haus, Ernest kommt aus ärmeren Verhältnissen. Später wird sie seine Ehefrau. Ernests Hauptanliegen ist die Ausbeutung der Arbeiterschaft durch die Oligarchie, der Kampf von Arbeit und Kapital. Ein Sozialist in Reinform eben. Auch der Autor, Jack London, war zu dieser Zeit seines Lebens glühender Sozialist und vieles davon fließt in dieses Buch ein.

Bereits der erste Teil des Buches ist äußerst ermüdend, denn er besteht zu einem großen Teil in der Wiedergabe von Ernests Ausführungen zu Arbeit und Kapital, zu Arbeiterschaft und herrschender Klasse, der sogenannten „eisernen Ferse“, die ein unterdrückerisches System hervorbringt. Wer nicht dem System dient, der wird früher oder später unschädlich gemacht, etwa durch Rufmord oder Entzug seiner finanziellen Mittel. Auf diese Weise fallen etwa Avis‘ Vater oder Bischof Morehouse der eisernen Ferse zum Opfer.

Ein Auszug aus Kapitel 7: 

„Laß mich prophezeien. [Es spricht Ernest] Die Zeitungen morgen werden nur erwähnen, daß sich der Bischof nicht wohl befinde, daß er zu schwer gearbeitet habe und daß er am Abend zuvor zusammengebrochen sei. Die nächste Meldung ein paar Tage später, wird besagen, daß er unter einer Nervenerschöpfung leide und daß ihm seine dankbare Gemeinde einen Urlaub vergönnt habe. Danach wird eins von zwei Dingen geschehen: Entweder sieht der Bischof seinen Irrtum ein und kehrt von seinem Urlaub als ein gesunder Mensch zurück, der keine Visionen mehr hat, oder er beharrt in seinem Wahn, und dann wirst du bald in den Zeitungen, ergreifend und schonend ausgedrückt, die Meldung von seiner Geistesstörung lesen. […]“

Jack London: Die eiserne Ferse

Das Buch wirkt durch und durch wie Sozialismusunterricht und man muss wohl selbst Sozialist sein, um das halbwegs gut oder interessant zu finden, vor allem mit unserer historischen Erfahrung. Es ist als solle man belehrt und bekehrt werden. Viel zu offensichtlich wird konsequent nach gut und böse eingeordnet. Everhard ist in Diskussionen brillant, alle seine Prognosen treffen ein. Anders gesagt, er ist eine fehlerlose, übermenschliche und stinklangweilige Figur.

Kein bisschen unterhaltsame alternative history

Die zweite Hälfte des Buches enthält glücklicherweise weniger Diskussion und dafür einen Bericht des Verlaufs der sozialistischen Organisation, Aufstände, des Partisanenkampfes und der Rebellion, die schließlich blutig niedergeschlagen wird. All das ist leider ebenfalls unendlich fad. Das Buch hat mit einem Roman wenig zu tun, es wirkt, als würde man ein schlechtes (und eben fiktives) Geschichtsbuch lesen. Namen reihen sich an Namen, Ereignisse an Ereignisse, hängen bleibt wenig. Partisanen gut, Eiserne Ferse böse und ausbeuterisch.

Somit handelt es sich eigentlich um eine Dystopie. Aus dem Rahmen (der wie erwähnt in manchen deutschen Ausgaben fehlt – vielleicht ideologische Gründe?) erfährt man, dass nach einigen weiteren blutigen und gescheiterten Revolutionen die Arbeiter nach ein paar Jahrhunderten doch irgendwann Erfolg hatten und das sozialistische Paradies eingetreten ist. Dadurch wird das Buch zur sozialistischen Utopie.

Daten zum Buch
Autor: Jack London
Titel: Die eiserne Ferse
Jahr: 1908
Seiten: 238
Verlag: Ullstein
Übersetzerin: Christine Hoeppner
Kaufen: nur antiquarisch erhältlich

Es wundert mich wenig, dass es von diesem Buch keine aktuelle Ausgabe gibt. Selten war ich so froh, ein Buch zuschlagen zu können. Ich möchte es auch gar nicht auf den Punkt der sozialistischen Ideologie herabbrechen, Die eiserne Ferse ist ganz einfach kein unterhaltsam geschriebenes Buch. Es ist besser, sich bei Jack London an seine großartigen Abenteuerromane zu halten.

 

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