Jack London – Mord auf Bestellung
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Alle unsere Morde sind rechtmäßig

„Jack London? Der hat doch immer diese Abenteuer geschrieben.“ Zugegeben, dieser Teil seines Werks ist heute am bekanntesten. Mord auf Bestellung fällt hier auf den ersten Blick deutlich aus der Reihe. Zumindest dann, wenn man sich auf die Bezeichnung Agententhriller versteift, die der Verlag dem Buch aufdrückt. Beim Lesen findet der Jack London-Kenner aber sehr schnell ein Element, das auch den wirklichen Kern seiner Abenteuerromane bildet: Philosophische und gesellschaftliche Fragen. Die spannende Geschichte ist nur der Rahmen, der diese Fragen für uns Leser leicht zugänglich und interessant macht. Und darin liegt meiner Meinung nach die wahre große Leistung Jack Londons.

Der Inhalt: Mörder oder Intellektuelle? Dragomiloffs einzigartige Agentur

Das Geschäftsmodell von Ivan Dragomiloff ist ungewöhnlich, aber trotzdem höchst erfolgreich. Von seinem New Yorker Büro aus führt er eine auf das ganze Land verteilte Agentur für Auftragsattentate. Alleine dieses Grundsetting könnte als Basis für einen Thriller mit dem ein oder anderen Mord genug sein. Doch in den Topf unserer Geschichte kommt noch eine Besonderheit: Dragomiloffs Agentur hat sich selbst Fesseln aus strengen Prinzipien gegeben.

Wir von der Agentur sind geradezu fanatisch in Bezug auf Ethik. In allem, was wir tun, haben wir die Sanktionierung der Rechtmäßigkeit. Dieser Sanktionierung bedürfen wir. Ohne sie gäbe es uns nicht mehr lange.

Jack London – Mord auf Bestellung

Ein jeder Auftrag wird vorab geprüft. Gibt es einen dürftigen Grund, das Opfer ins Jenseits zu schicken? Ethische Prinzipien rechtfertigen den Mord. Klar sein muss auch: Ist die Bezahlung erst einmal erfolgt und der Auftrag angenommen, dann gibt es kein Zurück. Die Strukturen der Agentur sind so gebaut, dass kein Auftrag abgebrochen werden kann.

Ein sehr spezielles Konstrukt also, doch ein sehr erfolgreiches. Die Geschäfte laufen blendend und ohne Probleme. So lange jedenfalls, bis ein gewisser Winter Hall eines Tages Dragomiloffs Büro betritt.

Winter meint eine Lücke im System gefunden zu haben und will der Agentur selbst den Todesstoß versetzen. Sein Auftrag an die Agentur lautet: Tötet Ivan Dragomiloff!

Von Kaiser und König bis hinab zum einfachsten Bauern – wir nehmen alle an, falls – und das ist ein wesentliches falls –, falls die Exekution von uns als gesellschaftlich gerechtfertigt eingestuft wird. Und sobald wir die Zahlung angenommen haben, die übrigens stets im Voraus erfolgt, und sobald wir uns entschieden haben, dass es rechtens ist, einen bestimmten Mord auszuführen, wird dieser Mord auch erledigt. Das ist eine unserer Regeln.

Jack London – Mord auf Bestellung

Natürlich erwarten wir jetzt, dass ein gewöhnlicher Mensch den Auftrag zurückweisen würde. Nicht in diesem Fall, schließlich haben wir es mit einem ethischen Fanatiker zu tun. Lange und ausführlich diskutieren Winter Hall und Dragomiloff darüber, ob es der Gesellschaft wirklich nützt, den Boss der Attentäter zum Ziel zu machen.

Die Frage ist weniger eindeutig als sie scheint, doch am Ende der Debatte ist Winter der Sieger. Dragomiloff setzt ein Attentat auf sich selbst in Gang. Ein letzter Ausweg bleibt ihm: Überlebt er ein Jahr, gilt der Auftrag als gescheitert und Winter Hall bekommt sein Geld zurück. Doch bisher hat die Agentur noch nie versagt.

Aber siehst du denn nicht? Sie sind von Ideen besessen. Für sie zählt das bloße menschliche Leben nichts – nicht einmal ihr eigenes. Sie sind vom Denken unterjocht. Sie leben in einer reinen Ideenwelt.

Jack London – Mord auf Bestellung

Zunächst sträuben sich die anderen Mitglieder der Agentur, am Ende folgen sie alle aber doch den Regeln der Agentur. Schließlich sind sie nur Mitglied, weil sie ebenso prinzipientreu sind wie ihr Boss. An dieser Stelle nun beginnt ein Katz und Maus Spiel durch die USA. Die Assassinen sind gut, doch das ist Dragomiloff auch.

Zwei Dinge verleihen der Geschichte eine besondere Würze: Winter Hall und Dragomiloff verstehen sich eigentlich prächtig. Ihre Diskussion hat beiden gezeigt, dass sie ganz auf einer Wellenlänge sind. Mit den Assassinen, alles hochintelligente Männer vom exakt selben Schlag, verhält es sich genauso.

Noch dazu erlebt Winter am nächsten Tag eine böse Überraschung, als er den Vater seiner Geliebten Grunya zum ersten Mal trifft. Überrascht es irgendjemanden, dass der niemand anderes als Dragomiloff ist?

Weder Anfang noch Ende des Romans gehören Jack London

Jack London hat den Roman nicht selbst zu Ende geschrieben. Das letzte Drittel des fertigen Texts stammt von Robert L. Fish aus den Sechzigern. London hatte das Gefühl, mit der Geschichte nicht mehr wirklich weiterzukommen und widmete sich anderen Projekten.

An die groben Skizzen, die er für das Ende hinterlassen hat, hat Fish sich nur zum Teil gehalten und viel vereinfacht. Der ursprüngliche Entwurf hatte etwa eine Verfolgungsjagd um die halbe Welt vorgesehen, bei Fish geht es „nur“ nach Hawaii. Einen wirklichen Bruch bemerkt man beim Lesen trotzdem nicht, der Übergang zwischen beiden Autoren funktioniert einwandfrei.

Auch die Grundidee stammt im Übrigen nicht von Jack London selbst, wie das Nachwort verrät. Die Idee war eine von mehreren, die er für wenige Dollar von einem jungen Reporter namens Sinclair Lewis kaufte. Und ja, es ist derselbe Sinclair Lewis, der in den Zwanzigern selbst ein gefeierter Autor und sogar Nobelpreisträger wurde.

Mein Fazit: Fantastische Idee und trotzdem kein Meisterwerk

Der Verlag preist das Buch als „Agententhriller“ an, eine Bezeichnung, die meiner Meinung nach nicht einwandfrei passt. Denn zum einen hat man es eher mit Mördern als mit klassischen Agenten zu tun, noch handelt es sich um einen typischen actiongeladenen Thriller.

Was man stattdessen bekommt, ist eine interessante Geschichte mit zahlreichen philosophischen Überlegungen zwischen den Figuren. Diese finden sich vor allem in dem Teil, den Jack London noch selbst verfasst hat. Zum Teil geht er damit fast ein wenig zu weit. Robert L. Fish verringert den Anteil dieser Diskussionen in seinem Ende doch deutlich.

Auch wenn der Roman eine Stufe unter den absoluten Meisterwerken von Jack London steht, ist die Grundidee der Assassinen, die stur auf ihren ethischen Überzeugungen verharren, absolut faszinierend.

Der Autor: Jack London

Porträt von Jack London (gemeinfrei, Quelle: Wikimedia)
Jack London (Quelle: Wikimedia, gemeinfrei)

Jack London (1876 – 1916) gehört zu den meistgelesenen amerikanischen Autoren aller Zeiten. Seine Biografie ist faszinierend. Mehrere Jahre lang arbeitete er in körperlich extrem belastenden Jobs, unter anderem in Fabriken, auf See oder als Goldsucher.

Mit dem erklärten Ziel, als Autor Geld zu verdienen, brachte er sich als Autodidakt im Eigenstudium selbst bei, gut verkäufliche Texte zu schreiben. Er machte es sich zur Regel, jeden Tag 1000 Wörter zu schreiben, was zu über 50 Büchern führte. Häufige Themen seiner Werke sind die Evolutionstheorie, Nietzsche, Sozialismus, die Suche nach dem „richtigen“ Leben und seine Faszination für die Natur.

Verschiedene Titel des Autors (Auswahl):

Daten und Links zum Buch

  • Autor: Jack London + Robert L. Fish
  • Titel: Mord auf Bestellung
  • Originaltitel: The Assassination Bureau Ltd
  • Übersetzer: Eike Schönfeld
  • Verlag: Manesse
  • Seiten: 263
Cover zu Jack London - Mord auf Bestellung

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