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Leo Perutz – Zwischen neun und neun

Auch diesmal wieder ein Roman von Leo Perutz. Zwischen neun und neun ist eine kuriose und amüsante Geschichte im Stil eines Schelmenromans.

 

Exzentrisch oder Irre?

Wien, an einem kühlen Morgen kurz nach neun Uhr. Wir treffen auf den Studenten Stanislaus Demba, der in der Stadt unterwegs ist. An keinem Ort hält Demba sich besonders lange auf, doch überall hinterlässt er einen bleibenden Eindruck. Denn Dembas Verhalten ist durchaus merkwürdig, obwohl er es durchgehend mit absolut gewöhnlichen Personen in gewöhnlichen Situationen zu tun hat. Meint man es wohl mit ihm, könnte man ihn einen Exzentriker nennen, doch hinter seinem Verhalten steckt mehr.

Stanislaus Demba hat gleich mehrere gewaltige Probleme. Georg Weimer, ein Nebenbuhler, ist kurz davor, ihm Sonja auszuspannen, denn Weimer hat das Geld, sie auf eine lang erträumte Reise mitzunehmen. Dembas Aufgabe ist also klar: Bis zum Abend muss er dringend die nötigen dreihundert Kronen auftreiben, damit Sonja den Weimer stehen lässt.

Das alleine wäre möglich, hätte er nicht ein kleines Handicap: An eben diesem Morgen wurde er von Polizisten festgenommen, denn Demba hatte wertvolle Bücher aus der Universitätsbibliothek an ein Antiquariat verkauft.
Durch einen waghalsigen Sprung aus einem Fenster konnte Demba zwar den Gendarmen fürs Erste entkommen, doch die Handschellen, die sie ihm angelegt hatten, die Handschellen loszuwerden war ihm noch nicht gelungen. (Ich zähle das nicht als Spoiler, denn es wird bereits auf dem Buchrücken verraten.)

Würden die Handschellen gesehen werden, wäre Demba in Gefahr wieder verhaftet zu werden. Die einzige Lösung für den Moment ist es, die Hände unter einem Mantel verborgen zu halten. Doch wie meistert man den Alltag einer Stadt, ohne seine Hände zu benutzen?

 

Ein Auszug aus Kapitel 7: 

Der Kellner kam mit einem Bückling heran.
„Befehlen der Herr?“
„Ich möchte etwas essen“, sagte Stanislaus Demba. „Was haben Sie?“
„Portion Salami vielleicht. Schönes, kaltes Roastbeef wär‘ da!“
Stanislaus Demba schien zu überlegen.
„Ham and eggs, wenn etwas Warmes nehmen wollen“, empfahl Franz in der höflichen Art Wiener Kellner, die sich lieber die Zunge abbeißen würden, als daß sie es übers Herz brächten, den Gast wie irgendeinen gewöhnlichen Sterblichen mit „Sie“ anzusprechen.
„Ham and eggs, Portion Salami, Portion Roastbeef, zwei Eier im Glas -„, rekapitulierte er nochmals.
„Bringen Sie mir“, entschied sich Demba nach längerem Nachdenken, „bringen Sie mir Lehmanns Wohnungsanzeiger.“

Leo Perutz: Zwischen neun und neun

 

Die Suche nach Geld treibt Demba von Ort zu Ort. Hier und dort, so hofft er, könne er noch offene Rechnungen eintreiben oder Vorschüsse bekommen.
Seine ständigen Begleiter sind die Furcht vor der Polizei und die Angst, jemand könne seine Handfesseln entdecken. Im Stil eines Schelmenromans taucht er an verschiedenen Orten kurz auf und kann nirgends lange bleiben, sein seltsames Verhalten aber führt überall zu Verwunderung.

Jäger und Gejagter

Den ganzen Tag wird Demba von Liebe und Verzweiflung durch die Stadt getrieben. Von neun Uhr morgens, den ganzen Tag, bis neun Uhr abends.
Kann er das Geld auftreiben? Kann er seine Hände verborgen halten? Oder wird er am Ende doch gefasst?

Ich will diese Fragen nicht spoilern, denn Leo Perutz beendet seinen Roman mit einem furiosen Finale und einem interessanten Twist.

Es lohnt sich, diesen Roman zu lesen. Zwischen neun und neun ist äußerst unterhaltsam. Die episodenhafte Struktur ermöglicht ein buntes Bild der bürgerlichen Wiener Gesellschaft und deren Eigenheiten. Die oft etwas spießigen Wiener treffen auf Demba, der mit seinem zwangsläufig seltsamen Verhalten in krassem Kontrast zu ihnen steht. Von Panik getrieben lautet sein oberstes Ziel stets Ausflüchte zu finden, die ihm erlauben, heil aus der jeweiligen Situation zu kommen. Auf gesellschaftliche Etikette kann er nicht Acht geben, er muss spontan reagieren, sich drehen und winden. Dembas Handlungsmöglichkeiten werden ebenso wie seine Hände ganz von den Handschellen beherrscht. Es versteht sich von selbst, dass dies zu vielen komischen Momenten führt.

 

Die Daten zum Buch
Autor: Leo Perutz
Titel: Zwischen neun und neun
Jahr: 1918
Seiten: 219
Verlag: dtv
Kaufen: Amazon (Affiliate-Link) 

Ohne Hut war Demba davongerannt auf seine wütende Jagd nach Geld.
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