Ray Bradbury – Fahrenheit 451
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Oft wird der Roman gelobt als eine geniale Vision des Internet-Zeitalters - doch macht es auch Spaß, die Geschichte zu lesen?

Eine geniale Vision des Internet-Zeitalters sei er – das sagt man Ray Bradburys dystopischem Roman Fahrenheit 451 zumindest gerne nach. Es ist genau dieses Bild von einer Gesellschaft, in der alle Bürger rund um die Uhr von Unterhaltungs-Content beschallt werden, das den Roman für uns heute so interessant macht. Die Parallelen liegen so nahe, dass man ihnen beim Lesen nicht entkommen kann. Sollten wir Angst haben?

Der Diogenes Verlag bringt diesen Klassiker nun in einer neuen Übersetzung von Peter Torberg heraus.
Das Buch wurde mir vom Verlag freundlicherweise als Rezensionsexemplar zugesandt. Auf diesen Beitrag hat das keinen Einfluss.

Der Inhalt: Ein guter Feuermann denkt nicht!

Es ist der Beruf von Guy Montag, Dinge anzuzünden. Denn Guy Montag gehört zu den Feuermännern, den Stützen des Systems. Wird in irgendeinem Haus ein Buch gefunden, dann rückt seine Einheit aus und zerstört beides: das Buch und die Wohnung. Papier brennt bei 451 Grad Fahrenheit am besten. Die Regierung hat Bücher schon vor Jahren verboten.

Die Feuermänner sind bestens ausgerüstet: Alle Flammenwerfer sind State of the Art. Und die mechanischen Hunde riechen und finden alles und jeden.

Angeblich hieß die Truppe früher nicht Feuermänner, sondern Feuerwehr und ihre Aufgabe war es nicht, Dinge zu verbrennen, sondern Brände zu löschen. Zumindest hat das die Tochter der neuen Nachbarn Montag erzählt. Doch wahrscheinlich sind das Hirngespinste, denn Clarisse McClellan ist anders – vielleicht ein wenig seltsam. Trotzdem unterhält Montag sich gerne mit ihr.

„Sind Sie glücklich?“ – die unschuldige Frage des Mädchens bringt Montag ins Grübeln. Ist er glücklich? Wahrscheinlich nicht. Seine Frau Mildred interessiert sich mehr für die Familie aus der Unterhaltungsshow, die aus den drei Bildschirmen im Wohnzimmer dröhnt, als für ihre eigene Ehe. Wichtig sind ihre Freundinnen und ihre Schlaftabletten, ihr Mann ist ihr gleichgültig. Irgendetwas fehlt Montag, er fühlt sich innerlich leer.

Das Mädchen? Das war eine tickende Bombe. Die Familie hatte ihr Unterbewusstsein gefüttert, da bin ich mir aufgrund ihrer Schulakte sicher. Sie wollte nicht wissen, wie man etwas machte, sondern warum. So etwas kann ganz schön unangenehm sein.

Ray Bradbury – Fahrenheit 451

Eines Tages ist Clarisse plötzlich weg. Und dann wird er auch auf der Arbeit noch traumatisiert, als eine Frau sich lieber zusammen mit ihren Büchern verbrennen lässt, als daneben zu stehen und weiterzuleben.

Am nächsten Tag meldet Montag sich krank. Was haben diese Bücher an sich, dass Menschen für sie sterben? Er muss es herausfinden. Wie praktisch, dass er hin und wieder welche mitgenommen und zuhause versteckt hat. Soll er es wagen, eins zu lesen? Wie liest man die Dinger überhaupt richtig? Wenn seine Kollegen ihn erwischen, dann ist er geliefert, manche waren schon misstrauisch.

Weiß man bei den Feuermännern vielleicht sogar schon, dass Montag Bücher besitzt? Als sein Vorgesetzter, Captain Beatty, dann wirklich vor der Türe steht, rutscht ihm das Herz in die Hose. Der Roman erreicht seine Schlüsselstelle, an der Beatty offen und ehrlich erklärt, wie das System seine Bürger zu stumpfen Hüllen macht.

Willst du Frieden? Betäube den Geist der Menschen!

Wenn Captain Beatty Guy Montag ohne irgendwelche Lügen erläutert, welche Bedeutung die Feuermänner wirklich für die Gesellschaft haben, dann kommt die wahre Kraft von Fahrenheit 451 zur Schau. Die große Stärke des Romans ist nicht die Handlung, er wurde genau für diese Stelle geschrieben.

Damit alle Menschen „glücklich“ sind, müssen ihre Gedanken betäubt werden. Ablenkung von jeder Seite mit Content ohne irgendeine Unterbrechung sorgen dafür. Niemand soll sich aufregen, deshalb müssen die Inhalte den kleinsten gemeinsamen Nenner ansprechen. Die Folge davon ist, dass alles tiefgründige und bemerkenswerte verschwindet. Zensiert alles was unangenehm sein könnte! Tod dem Herausragenden, es lebe die Banalität!

Kommen wir zu den Minderheiten in unserer Zivilisation. Je größer die Bevölkerung, desto mehr Minderheiten gibt es. […] All die kleinen und kleinsten Minderheiten, mit denen man sich nur ja nicht anlegt. Ihr Schriftsteller, die ihr voll böser Gedanken seid, schließt eure Schreibmaschinen weg. Und das taten sie.

Ray Bradbury – Fahrenheit 451

Je weniger Individuen mit eigenen Gedanken eine Gesellschaft hat, umso besser. Stumpfsinn und Gleichgültigkeit garantieren den Frieden. Alles, das die Bürger zu selbstständigem Denken verleitet, muss deshalb verboten werden. Literatur und Kunst sind ein No-Go, dieses Teufelszeug wiegelt nur auf.

Die Vision eines Landes, in dem Bildschirme den Geist der Menschen auf Standby schalten, lodert vor Energie. Jeder Esprit der Menschen ist ausgelöscht. Nicht einmal die Nachricht von Krieg kann sie beeindrucken, sich darum zu kümmern wäre nur Aufwand und unangenehm. Und wenn sich niemand aufregt, fällt logischerweise das Regieren leichter.

Heute liegt es uns nahe, das als Vision unseres Instagram-Zeitalters zu interpretieren, in dem unzählige Gruppen fordern, unzählige Kleinigkeiten zu zensieren. Das ist es, was den Roman so aktuell erscheinen lässt. Bradbury selbst hat zu seiner Zeit wohl eher auf die zunehmende Präsenz des klassischen Fernsehens abgezielt.

Montag der Rebell

Den Rest des Romans nun aber mit weniger Details und ohne zu viel zu verraten:

Montag entscheidet sich, er will eines dieser Bücher lesen. Dazu muss er sich mit anderen Menschen zusammentun, die Bücher besitzen und ihm zeigen können, wie man sie richtig liest. In ihm erblühen Träume von einer Rebellion.

Doch natürlich wusste man bei den Feuermännern Bescheid. Spätestens nachdem Mildred dort angerufen hat. Für Guy Montag bleibt nun nur noch eine Option: Er muss fliehen. Können ihm die Rebellen in den Wäldern vielleicht helfen? Findet er sein Glück?

Meine Meinung zu Fahrenheit 451

Insgesamt mochte ich das Buch. Bradbury hatte mit Sicherheit etwas Glück, dass sich die Mediensituation so entwickelt hat, wie sie es getan hat. Eine Gesellschaft, in der der Geist der Menschen durch Dauerberieselung aus Bildschirmen lahmgelegt wird. Von heute aus betrachtet wirkt dieses Bild wie eine Vision. Ganz automatisch bringt es uns zum Nachdenken und dazu, Vergleiche zu unserer eigenen Welt anzustellen. Das gibt dem Buch einen besonderen Reiz.

Wenn wir vom Inhalt sprechen, hatte ich beim Lesen immer das Gefühl, dass die Welt von Fahrenheit 451 im Zweifelsfall auch noch zwei- bis dreihundert Seiten mehr hergegeben hätte. Das Tempo in dem erzählt wird ist ziemlich hoch. Das soll an dieser Stelle aber gar nicht als Kritikpunkt verstanden werden, denn die Handlung funktioniert – es wäre schlicht und einfach möglich gewesen, den Stoff auszudehnen.

Die Neuübersetzung von Peter Torberg kann ich schlecht mit älteren deutschen Ausgaben vergleichen, weil ich die älteren Ausgaben nicht kenne. Sie lässt sich sehr gut lesen, ohne dass irgendwelche Schnitzer auffallen würden, so viel kann ich sagen. Torberg schreibt im Nachwort, dass er Wert darauf gelegt hat, den Begriff „fireman“ nicht als „Feuerwehrmann“, sondern als „Feuermann“ zu übersetzen, was in der Vergangenheit wohl oft anders gemacht wurde. Angesichts der unterschiedlichen Berufsauffassungen erscheint mir das sinnvoll.

Der Autor: Ray Bradbury

Ray Bradbury (© V. Tony Hauser)

Ray Bradbury (1920 – 2012) war ein amerikanischer Autor. Mit 24 Jahren entschied er sich, Vollzeit-Schriftsteller zu werden. Nach einigen Kurzgeschichten gelang ihm mit den Mars-Chroniken der Durchbruch. Spätestens Fahrenheit 451 machte ihn zu einem der berühmtesten amerikanischen Autoren des 20. Jahrhunderts.

Zahlreiche seiner Werke wurden verfilmt. Neben seiner Arbeit als Schriftsteller wirkte er als Autor auch selbst an mehreren Drehbüchern mit. Häufige Bestandteile seiner Werke sind Science Fiction, Phantastik und auch Horror-Elemente. Auf ein bestimmtes Genre kann er allerdings nicht festgelegt werden.

Verschiedene Titel des Autors (Auswahl):

  • Das Böse kommt auf leisen Sohlen

  • Der Tod ist ein einsames Geschäft
  • Die Mars-Chroniken

Daten und Links zum Buch

  • Autor: Ray Bradbury
  • Titel: Fahrenheit 451
  • Übersetzer: Peter Torberg
  • Verlag: Diogenes
  • Seiten: 272

Cover zu Ray Bradbury - Fahrenheit 451
Cover zu Fahrenheit 451 von Ray Bradbury

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