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Seneca – Apocolocyntosis. Die Verkürbissung des Kaisers Claudius

Was macht man, wenn der Kaiser stirbt, der einen ins Exil geschickt hat? Senecas Antwort darauf lautet: Man stellt sich vor, wie die Begegnung dieses Kaisers mit den Göttern abläuft. Eine Satire aus der Antike.

 

Der tote Kaiser im Götterreich

Im Römischen Reich war es üblich, dass Kaiser nach ihrem Tod, oder schon zu Lebzeiten, zum Gott erhoben wurden. Seneca macht beim kürzlich gestorbenen Kaiser Claudius aus dieser Vergottung eine Verkürbissung, und lässt dabei kein gutes Haar an ihm.

In der Apocolocyntosis erzählt Seneca, was angeblich nach dem Tod Claudius‘ bei seiner Ankunft im Himmel passiert sein soll. Claudius stellt vor der Götterversammlung einen Antrag auf Vergöttlichung, doch die Götter sind von ihm nicht begeistert. Sie schicken ihn in die Unterwelt.

 

Auszug aus Kapitel 7: 

Wie Claudius nun den bärenstarken Recken sah, vergaß er alle Mätzchen und begriff, dass ihm zwar in Rom keiner gleich war, er hier aber nicht gleich viel zu melden habe und dass ein Hahn eben nur auf seinem eigenen Misthaufen das Sagen habe.

Soweit man es verstehen konnte, schien er folgendes darauf zu sagen:
„Ich hatte gehofft, Hercules, dass du, tapferster unter den Göttern, mir bei den anderen beistehen würdest, und falls einer von mir einen Bürgen verlangt hätte, hatte ich eigentlich vor, dich anzugeben, der du mich doch am besten kennen musst. Wenn du dich gütigst erinnern möchtest, ich war es doch, der eins in Tivoli vor deinem Tempel ganze Tage lang im Juli und August Recht sprach. […]“

Seneca: Apocolocyntosis

 

Kurzeinschätzung

Der Text ist eine sehr kurze Lektüre für zwischendurch. (Es sind nur 43 Seiten, davon ist nochmal die Hälfte der lateinische Originaltext). Die Geschichte ist dabei aber sehr amüsant. Der Anhang hilft dabei, Anspielungen und Details zu verstehen und sein Wissen über römische Religion und Bräuche aufzufrischen.
Ich mag diese Art von Satiren und wer Empfehlungen hat, immer her damit.

 

Daten zum Buch
Autor: Seneca (der Jüngere)
Titel: Apocolocyntosis
Jahr: 54
Seiten: 93
Verlag: Reclam
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Warum schreibt Seneca diesen Text?

Seneca spielt ein gefährliches Spiel. Auch wenn Claudius tot ist, es ist und bleibt Majestätsbeleidigung, was er hier macht. Angenommen, irgendwelche Hinterbliebenen hätten ein Faible für Familienehre oder ähnliches gehabt, genug Sesterzen für einen Auftragskiller wären sicher vorhanden gewesen. (Ich rieche Potential für einen historischen Krimi.)

Warum schreibt Seneca also einen solchen Text?

Oft wird angenommen, dass Seneca sich bei Claudius‘ Nachfolger Nero beliebt machen wollte. Nero war von Claudius adoptiert worden, mit dem Ziel, sein Nachfolger als Kaiser zu werden. Dabei stand er aber in Konkurrenz zu Neros leiblichem Sohn. Um die Sache zu beschleunigen – so sagen es jedenfalls viele Geschichtsschreiber und die Gerüchteküche Roms – hat Neros Mutter Agrippina die Vergiftung Claudius‘ angestiftet.
Man darf Agrippina ohne weiteres ehrgeizig nennen. Nachdem Claudius‘ dritte Ehefrau in den Hades geschickt wurde (Untreue), nutzte sie die Gelegenheit und wurde Nummer Vier. Sie brachte Claudius dazu, ihren Sohn Nero zu adoptieren und suchte als Lehrer für Nero Seneca aus, der aus dem Exil zurückgeholt wurde.
Seneca war im Exil auf Korsika. Claudius‘ dritte Frau hatte Seneca wegen Ehebruch angeklagt (hauptsächlich ging es dabei nicht einmal um Seneca, sondern darum, eine potentielle Rivalin zu beseitigen), daraufhin musste er Rom verlassen. Dass es an Claudius lag, dass Seneca „nur“ ins Exil musste und nicht die Todesstrafe bekam, geschenkt. Ein Grund, Claudius nicht zu mögen, war geschaffen.

In dieser Kurzfassung lesen sich diese Dinge beinahe wie der Plot einer zweitklassigen Serie aus dem Nachmittagsprogramm eines Fernsehsenders. (Die nächste Idee mit Potential: History Reality-TV „Meet the Julian-Claudians“)

Als Claudius nun tot war, war es aus der Perspektive Senecas nur logisch, die Verbindung zu seinem Schüler und neuen Kaiser, Nero, weiter festigen zu wollen. Ein gutes Verhältnis zur höchsten Macht im Staat zu haben klingt vielversprechend, nicht nur aus machtpolitischer Sicht. Also schreibt er die Apocolocyntosis, denn hey, wenn der alte Kaiser so eine Pfeife war, dann kann der neue nur besser werden. Als PR-Stunt vielleicht gar nicht mal schlecht. Oder doch?

Wie der Text von Nero aufgenommen wurde, wissen wir nicht. Was wir aber wissen, ist, dass Seneca einige Jahre später versucht hat, sich von diesem Text zu distanzieren, vielleicht weil er ihm peinlich war, vielleicht hat er aber auch erkannt, dass es doch nicht so klug war, Claudius zu veräppeln. Denn wer hat die Vergöttlichung des Claudius bestätigt? Das war Nero, der damit behaupten konnte, dass er ein divi filius, (Adoptiv)Sohn eines Gottes war. Seinen Vater zu verspotten, also aus Neros Sicht kontraproduktiv. Umbringen okay, aber danach war er selbst an der Macht und der Alte zu etwas gut, sich über ihn lustig machen geht dann natürlich nicht mehr!

 

Einer der Vorteile unserer modernen Demokratien ist, dass wir unsere Machthaber schon zu Lebzeiten verspotten dürfen, ohne gleich die Todesstrafe fürchten zu müssen. Ich würde das einen Fortschritt nennen und warte auf die Verkürbissung der Angela Merkel.
Oder anders gesehen bietet der Stoff auch Potential für einen (historischen) Politthriller. Echte Geschichte ist und bleibt oft die beste Inspirationsquelle.

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