Seneca – Apocolocyntosis. Die Verkürbissung des Kaisers Claudius
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Was macht man, wenn der Kaiser stirbt, der einen ins Exil geschickt hat? Senecas Antwort darauf lautet: Man stellt sich vor, wie die Begegnung dieses Kaisers mit den Göttern abläuft. Apocolocyntosis: Eine bitterböse Satire aus der Antike.

Der tote Kaiser vor dem Gericht der Götter

Im Römischen Reich war es üblich, dass Kaiser nach ihrem Tod, oder schon zu Lebzeiten, zum Gott erhoben wurden. Seneca macht beim kürzlich gestorbenen Kaiser Claudius aus dieser Vergottung eine Verkürbissung, und lässt dabei kein gutes Haar an ihm.

In der Apocolocyntosis erzählt Seneca, was angeblich nach dem Tod Claudius‘ bei seiner Ankunft im Himmel passiert sein soll. Claudius stellt vor der Götterversammlung einen Antrag auf Vergöttlichung, doch die Götter sind von ihm nicht begeistert. Sie schicken ihn in die Unterwelt.

Wie Claudius nun den bärenstarken Recken sah, vergaß er alle Mätzchen und begriff, dass ihm zwar in Rom keiner gleich war, er hier aber nicht gleich viel zu melden habe und dass ein Hahn eben nur auf seinem eigenen Misthaufen das Sagen habe.

Seneca – Apocolocyntosis

Meine Kurzeinschätzung

Der Text ist eine sehr kurze Lektüre für zwischendurch. (Es sind nur 43 Seiten, davon ist nochmal die Hälfte der lateinische Originaltext). Die Geschichte ist dabei aber sehr amüsant. Der Anhang hilft dabei, Anspielungen und Details zu verstehen und sein Wissen über römische Religion und Bräuche aufzufrischen.
Ich mag diese Art von Satiren und wer Empfehlungen hat, immer her damit.

Einst war’s eine große Sache, ein Gott zu werden, doch jetzt habt ihr das reinste Affentheater daraus gemacht.

Seneca – Die Verkürbissung des Kaiseres Claudius

Warum schreibt Seneca die Apocolocyntosis?

Seneca spielt ein gefährliches Spiel. Auch wenn Claudius tot ist, es ist und bleibt Majestätsbeleidigung, was er hier macht. Angenommen, irgendwelche Hinterbliebenen hätten ein Faible für Familienehre oder ähnliches gehabt, genug Sesterzen für einen Auftragskiller wären sicher vorhanden gewesen. (Ich rieche Potential für einen historischen Krimi.)

Warum schreibt Seneca also einen solchen Text?

Oft wird angenommen, dass Seneca sich bei Claudius‘ Nachfolger Nero beliebt machen wollte. Nero war von Claudius adoptiert worden, mit dem Ziel, sein Nachfolger als Kaiser zu werden. Dabei stand er aber in Konkurrenz zu Neros leiblichem Sohn. Um die Sache zu beschleunigen – so sagen es jedenfalls viele Geschichtsschreiber und die Gerüchteküche Roms – hat Neros Mutter Agrippina die Vergiftung Claudius‘ angestiftet.
Man darf Agrippina ohne weiteres ehrgeizig nennen. Nachdem Claudius‘ dritte Ehefrau in den Hades geschickt wurde (Untreue), nutzte sie die Gelegenheit und wurde Nummer Vier. Sie brachte Claudius dazu, ihren Sohn Nero zu adoptieren und suchte als Lehrer für Nero Seneca aus, der aus dem Exil zurückgeholt wurde.
Seneca war im Exil auf Korsika. Claudius‘ dritte Frau hatte Seneca wegen Ehebruch angeklagt (hauptsächlich ging es dabei nicht einmal um Seneca, sondern darum, eine potentielle Rivalin zu beseitigen), daraufhin musste er Rom verlassen. Dass es an Claudius lag, dass Seneca „nur“ ins Exil musste und nicht die Todesstrafe bekam, geschenkt. Ein Grund, Claudius nicht zu mögen, war geschaffen.

In dieser Kurzfassung lesen sich diese Dinge beinahe wie der Plot einer zweitklassigen Serie aus dem Nachmittagsprogramm eines Fernsehsenders. (Die nächste Idee mit Potential: History Reality-TV „Meet the Julian-Claudians“)

Der tote Kaiser Claudius und sein Nachfolger

Als Claudius nun tot war, war es aus der Perspektive Senecas nur logisch, die Verbindung zu seinem Schüler und neuen Kaiser, Nero, weiter festigen zu wollen. Ein gutes Verhältnis zur höchsten Macht im Staat zu haben klingt vielversprechend, nicht nur aus machtpolitischer Sicht. Also schreibt er die Apocolocyntosis, denn hey, wenn der alte Kaiser so eine Pfeife war, dann kann der neue nur besser werden. Als PR-Stunt vielleicht gar nicht mal schlecht. Oder doch?

Wie der Text von Nero aufgenommen wurde, wissen wir nicht. Was wir aber wissen, ist, dass Seneca einige Jahre später versucht hat, sich von diesem Text zu distanzieren, vielleicht weil er ihm peinlich war, vielleicht hat er aber auch erkannt, dass es doch nicht so klug war, Claudius zu veräppeln. Denn wer hat die Vergöttlichung des Claudius bestätigt? Das war Nero, der damit behaupten konnte, dass er ein divi filius, (Adoptiv)Sohn eines Gottes war. Seinen Vater zu verspotten, also aus Neros Sicht kontraproduktiv. Umbringen okay, aber danach war er selbst an der Macht und der Alte zu etwas gut, sich über ihn lustig machen geht dann natürlich nicht mehr!

Einer der Vorteile unserer modernen Demokratien ist, dass wir unsere Machthaber schon zu Lebzeiten verspotten dürfen, ohne gleich die Todesstrafe fürchten zu müssen. Ich würde das einen Fortschritt nennen und warte auf die Verkürbissung der Angela Merkel.
Oder anders gesehen bietet der Stoff auch Potential für einen (historischen) Politthriller. Echte Geschichte ist und bleibt oft die beste Inspirationsquelle.

Der Autor: Seneca (der Jüngere)

Seneca der Jüngere ( 1 – 64 n. Chr.) war ein römischer Schriftsteller, Politiker und Philosoph. Er zählte zu den reichsten und mächtigsten Männern seiner Zeit. Er war mehrere Jahre Berater des Kaisers Nero, bevor dieser ihn einer Verschwörung bezichtigte. Auf Befehl Neros beging er Suizid.

Heute ist er vor allem als Vertreter der stoischen Philosophie in Erinnerung geblieben. Seine Dramen werden wenig beachtet. Häufige Themen seiner Werke sind Stoizismus und Mythologie.

Verschiedene Titel des Autors (Auswahl):

  • Apocolocyntosis
  • De vita beata
  • De brevitate vitae
  • Epistulae morales ad Lucillium

Daten und Links zum Buch

  • Autor: Seneca (der Jüngere)
  • Titel: Apocolocyntosis. Die Verkürbissung des Kaisers Claudius
  • Übersetzer: Anton Bauer
  • Verlag: Reclam
  • Seiten: 94
Cover zu Seneca - Apocolocyntosis Die Verkürbissung des Kaisers Claudius

Kommentare

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  1. Hi, danke für die Rezension. Wenn Sie römische Satiren mögen kann ich Lukian empfehlen. Z.B. antiquarisch als „Lukius oder der magische Esel (Berlin, Weimar 1979)“, für wenige Euro. Die Ausgabe bietet drei seiner bekanntesten Kurzgeschichten. Die Lukian-Ausgabe „Götter, Tote und Hetären“ bietet 11 Dialoge, die ich aber nicht so witzig und spannend wie seine Kurzgeschichten fand, allem voran „Der magische Esel“. Apuleius von Madaura hat die Geschichte wohl recht Zeitgleich mit leichten Abwandlungen erzählt (Der goldene Esel), da kenne ich aber nur eine Übersetzung die ich weniger gelungen fand. Lukian hat auch die älteste uns überlieferte Science-Fiction Geschichte geschrieben (z.B. in der Ausgabe von 1979 enthalten).
    Viele Grüße
    L. Baunack

    • Danke für den Kommentar und die Buchtipps.

      Über Apuleius bin ich vor ein paar Wochen tatsächlich auch gestolpert. Auch von Lukian hatte ich schon mal was auf dem Zettel. Weil der Zettel so lang ist, bin ich nur leider noch nicht zum Lesen gekommen.

      Die Ausgabe von 79 werd ich mir mal ansehen. Es ist schade, dass von diesen Geschichten oft keine besonders schöne und gut editierte aktuelle Ausgabe existiert. Schon für ein simples Reclam-Heft muss man oft Glück haben.

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