Walter Moers – Die Stadt der träumenden Bücher (Graphic Novel, Teil 2)
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Mythenmetz trifft den Schattenkönig

Im zweiten Teil der Graphic Novel Die Stadt der träumenden Bücher wird Mythenmetz‘ Reise durch die Katakomben fortgesetzt. In den düsteren Tiefen unter Buchhaim trifft er auf zahlreiche Gefahren und Geschöpfe, in denen sich viele Elemente klassischer Schauerromane wiederfinden.
Was Die Stadt der träumenden Bücher mit Schauerromanen (vor allem mit Frankenstein) gemeinsam hat, findet ihr am Ende dieses Beitrags.

Die Stadt der träumenden Bücher Teil 2 beginnt dort, wo der erste Teil aufgehört hat.
Den Beitrag zum ersten Teil findet ihr hier.

Dieses Buch wurde mir vom Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Vielen Dank!
Meine Meinung bleibt unabhängig.

Lebensgefahr im Labyrinth der träumenden Bücher

Hildegunst von Mythenmetz wurde in der Ledernen Grotte der Buchlinge aufgenommen, wo er nun mit den Buchlingen und deren Leben in den Katakomben Bekanntschaft macht. Er lernt vieles über Bücher und das Dichterhandwerk und ist kurz davor einen Ausgang aus dem Labyrinth zu erfahren, als die Grotte überfallen wird.

Für Mythenmetz beginnt eine weitere Odyssee durch die Katakomben, die nicht nur lebensbedrohliche Situationen, sondern auch das Geheimnis des mysteriösen Schattenkönigs für ihn bereithält. Kann der Schattenkönig Hildegunst dabei helfen, an die Oberfläche zurückzukehren und der größte Dichter von ganz Zamonien zu werden?

Mehr Action, weniger Tiefe

Auch der zweite Teil der Graphic Novel bewegt sich auf hohem Niveau, auch wenn er vergleichen mit dem ersten Teil etwas schwächer abschneidet.

An vielen Stellen ist das Tempo der Erzählung durch die notwendigen Kürzungen zu hoch geworden, so dass sich die Atmosphäre nicht genug entfalten kann. Gerade weniger actionreiche Passagen, wie die schrittweise Einführung in das Leben der Buchlinge, oder der Aufenthalt in Schloss Schattenhall, haben nicht dasselbe Flair, das sie in der Romanvorlage haben.

Geschichte des Schattenkönigs
Der „Novel-Anteil“ ist deutlich ausgeprägt, wenn die Story es nötig macht.

Das Problem der Kürzungen zeigt sich insbesondere auch an einer der zentralen Stellen: Der Erzählung der Vergangenheit des Schattenkönigs. Hier wird die Graphic Novel für eine Doppelseite beinahe wieder zu einem gewöhnlichen Roman, um alle Informationen liefern zu können.

Kurz gesagt: Die Graphic Novel ist actionreicher als der Roman, im Austausch dafür gehen stellenweise etwas Charme und Tiefe verloren.

Großartige Bilder auch im zweiten Teil

In manchen Aspekten gewinnt die die Graphic Novel verglichen zum Roman aber auch dazu. Dazu gehören viele der Szenen, in denen Schauerhaftes dargestellt wird (zum Punkt ‚Schauriges‘ siehe auch unten), oder die animalisch-mächtige Gestalt des Schattenkönigs selbst.

Die Optik ist auch in Teil 2 von Die Stadt der träumenden Bücher wie schon im ersten Teil wieder ein Hochgenuss. Walter Moers und Florian Biege haben hier gute Arbeit geleistet. Von doppelseitigen über einseitige bis zu achtelseitigen Panels ist auch hier wieder jede Größe vertreten und sorgt für Abwechslung. Besonders die größeren Panels liefern an Schlüsselstellen beeindruckende Bilder.

Text und Bild ergänzen sich sehr gut, das Zusammenspiel funktioniert hervorragend.
Im Anhang dieses Teils wird ein wenig über die einzelnen Arbeitsschritte verraten, die von der Vorlage zum Endprodukt geführt haben, was ich persönlich sehr interessant fand. Dazu gibt es ein paar der Skizzen.
Einen etwas ausführlicheren Kommentar zur Entstehung als im Buch selbst gibt es aber in diesem Beitrag. (Schritt 5,6,7)

Making-Of Stadt der träumenden Bücher

Dunkel und unheimlich – Ein zamonischer Schauerroman

In Die Stadt der träumenden Bücher hat Moers viele Attribute klassischer Schauerromane aufgegriffen und in einer zamonischen Version umgesetzt.

Schauerliteratur kam vor allem Ende des 18. Jahrhunderts auf, als Reaktion darauf, dass durch die Aufklärung der Glauben an das Übernatürliche und Wunderbare durch pure Rationalität verdrängt wurde.
Typische Elemente für Schauerromane waren dunkle, finstere Schauplätze, unheimliche Gestalten, Flüche, verfallene Schlösser, bewusstseinsverändernde Drogen, Wahnsinn, das Böse, Geheimnisse, … – Kurz: allerhand unerklärliches und unheimliches, das beim Leser zu Gruseln führen sollte.

In den Katakomben unter Buchhaim finden wir davon sehr vieles. Ein düsterer Schauplatz, an seiner tiefsten finstersten Stelle sogar mit einem alten Schloss, dazu bewohnt von allerhand lebensbedrohlichen Kreaturen, die beinahe aus dem Nichts heraus auftauchen und nach Mythenmetz‘ Leben trachten. Und wie gelangt Mythenmetz dorthin? Richtig, durch Drogen, mit denen er wegen eines düsteren Geheimnis vergiftet wird.
Der Schattenkönig, ein künstlich geschaffenes Wesen, das seinen Meister heimsucht, ist unverkennbar eine Anspielung auf Mary Shelley’s Frankenstein. Nicht umsonst nennt er sich Homunkoloss.


Getürmt aus Buch auf Buch 
Verlassen und verflucht 
Gesäumt von toten Fenstern 
Bewohnt nur von Gespenstern 
Befallen von Getier 
Aus Leder und Papier 
Ein Ort aus Wahn und Schall 
Genannt Schloss Schattenhall

Walter Moers – Die Stadt der träumendden Bücher
Buchling Dölerich Hirnfiedler

Dass der Aufenthalt in einem solchen Umfeld auch Auswirkungen auf den Protagonisten Hildegunst von Mythenmetz haben muss, versteht sich von selbst.
Anfangs steht Mythenmetz noch klar auf Seite eines rational erklärbaren Weltbilds. Das Orm ist für ihn Quatsch: „Jeder aufgeklärte Lindwurm glaubte nicht an diesen antiquarischen Hokuspokus“, erklärt er noch zu Beginn.

Später dagegen, nachdem er in den Katakomben einem unheimlichen Phänomen nach dem anderen begegnet ist, akzeptiert Mythenmetz die Existenz des Orms, er strebt es sogar gezielt an. Dieser Wandel ist ein elementarer Teil Mythenmetz‘ Abenteuers. Moers spielt hier mit dem romantischen Motiv des Dichtergenies.

Im Hinblick auf Motive des Schauerromans ist Die Stadt der träumenden Bücher also eine wahre Fundgrube, die zum Suchen einlädt. Das Gruselige und Schaurige wirkt, wie oben bereits erwähnt, durch die bildliche Darstellung in der Graphic Novel sogar noch stärker als im Roman.

Der Autor: Walter Moers

Hildegunst von Mythenmetz (© Walter Moers/Verlagsgruppe Random House GmbH)
Hildegunst von Mythenmetz (© Walter Moers/Verlagsgruppe Random House GmbH)

Walter Moers (*1957) ist einer der erfolgreichsten deutschen Autoren der Gegenwart. Er begann als Comic-Zeichner und ist der Erfinder von Käpt’n Blaubär. Walter Moers tritt seit Jahren nicht öffentlich auf und es gibt keine Bilder von ihm. Auch deshalb wird seine Figur Hildegunst von Mythenmetz mittlerweile oft als „Ersatz“ zu Marketingzwecken benutzt.

1999 veröffentlichte er den ersten Teil seiner Zamonien-Reihe. Seine Bücher sind durch ihre besondere Machart nicht eindeutig einem bestimmten Genre zuordenbar. Das Etikett „Fantasy“ passt nur zum Teil und wäre irreführend. Häufige Bestandteile seiner Werke sind Metafiktion, Intertextualität, Parodie und die Literatur bzw. der Literaturbetrieb.

Website: www.zamonien.de

Verschiedene Titel des Autors (Auswahl):

Daten und Links zum Buch

  • Autor: Walter Moers
  • Titel: Die Stadt der träumenden Bücher (Comic) Band 2: Die Katakomben
  • Illustrator: Florian Biege
  • Verlag: Knaus
  • Seiten: 124

Cover zu Walter Moers - Die Stadt der träumenden Bücher Teil 2 Die Katakomben (Graphic Novel)
Die Stadt der Traeumenden Buecher Comic von Walter Moers

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