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Walter Moers – Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr

Viele Leser wussten nicht ganz, was sie aus Prinzessin Insomnia machen sollten. Ich habe eine Interpretation gefunden, die zumindest mich selbst glücklich stellt. In diesem Beitrag findet ihr sie. 

 

Der Alptraum einer schlaflosen Prinzessin

Prinzessin Dylia Insomnia leidet unter einer Krankheit, die sie oft tagelang nicht schlafen lässt. (Eine Anmerkung: Die Idee dazu kam Walter Moers über den Kontakt mit der Illustratorin des Buches, Lydia Rode, die unter Chronischem Erschöpfungssyndrom leidet. Eines der Symptome ist Schlaflosigkeit) Daher vertreibt sich die Prinzessin die Nächte mit ihrer Fantasie und allerlei bunten Wortspielen.

Während einer ihrer schlaflosen Nächte erhält Dylia Besuch von dem mysteriösen Nachtmahr Havarius Opal. Als Nachtmahr ist es sein Beruf, sein Opfer in den Wahnsinn zu treiben, bis es schließlich, quasi als Kollateralschaden, aus dem Fenster springt. Havarius Opal nimmt Prinzessin Dylia mit auf eine Reise nach Amygdala, ins dunkle Herz der Nacht.

 

Auszug aus Kapitel 7: 

„Ich soll dir also zeigen, wie das alles funktioniert?“, ächzte der Gnom. „Der Wahnsinn und all das? Das habe ich befürchtet. Du willst sie unbedingt machen, die Reise.“
„Die Reise?“ Dylia spitzte die Ohren. Eine Reise? Sie hatte schon ewig keine mehr gemacht.
„Na ja“, seufzte der Gnom. „Die Reise eben. Du weißt schon: Ins dunkle Herz der Nacht.“
„Du weißt von dem Gedicht?“, fragte Dylia.
„Jetzt bin ich gekränkt!“, rief der Gnom. „Unser Gedicht! So haben wir uns kennengelernt: Wenn die Minuten durch die Jahre rufen …“ zitierte er mit bebender Stimme.
„… erhebt sich der ewige Träumer über seine irdische Last …“, ergänzte Dylia.
Und dann deklamierten beide zusammen: „… und reist mitten hinein ins dunkle Herz der Nacht.“

Walter Moers: Prinzessin Insomnia

 

Kurzeinschätzung

Eine Sache, die bei diesem Buch auf jeden Fall hervorsticht, ist die optische Gestaltung. Ich habe kein anderes Buch, das so bunt ist, wie dieses. Ein absoluter Hingucker.
Den Text fand ich anfangs etwas mäßig, mir hat in der Geschichte die Action gefehlt, was vielen Lesern so geht, wenn man sich verschiedene Rezensionen ansieht. Vor allem der Anfang zieht sich ein wenig. Der neue Blickwinkel, über den ich unten erzähle, hat das ein Stück weit geändert und mir erlaubt, das Buch anders zu verstehen.

 

Daten zum Buch
Autor: Walter Moers
Titel: Prinzessin Insomnia
Jahr: 2017
Seiten: 344
Verlag: Knaus
Kaufen: Amazon (Affiliate-Link)

 

Was machen wir aus diesem Buch? Mein Interpretationsversuch

Ein Hinweis: In folgendem Text sind minimale Spoiler zum ersten Drittel des Buches. (Man kann sie meiner Meinung nach aber gefahrlos lesen, ohne sich den Spaß zu verderben) Ein größerer Spoiler ist noch mal extra gekennzeichnet und eingeklappt.

 

Ich habe lange überlegt, was ich aus diesem Buch machen soll. Nach dem ersten Mal lesen hat es mich etwas ratlos zurückgelassen. Doch jetzt habe ich einen Blickwinkel gefunden, der die Geschichte in anderes Licht rückt.

Was ist ein Traum? Oder besser eine Traumwelt? Ich will hier gar nicht mit exakten wissenschaftlichen Definitionen anfangen, das sei den Schlafforschern dieser Welt überlassen. Einigen wir uns darauf, dass ein Traum eine bunte Welt ist, in der alles möglich ist.

Aber diese Welt bleibt der armen Prinzessin Dylia – oder wie sie sich selbst nennt, Prinzessin Insomnia – verwehrt. Sie leidet an einer seltenen Krankheit, wegen der sie meistens tagelang nicht schlafen und auch nicht träumen kann.

Doch was unsere Prinzessin hat, das ist Sprache. Sie spricht eine große Zahl an verschiedenen Sprachen und Dialekten, sie erfindet eigene Worte und sie hat ihre Pfauenwörter. Pfauenwörter, das sind exotische, seltene Worte, bunte Worte, auch im Buch in verschiedenen Farben gedruckt. Da ist dieses Wort wieder: Bunt. Bunt wie ein Traum. Prinzessin Insomnia kann vielleicht nicht schlafen und träumen, doch mit ihrem Talent für Sprache kann sie sich wenigstens ihre eigene Traumwelt schaffen.

Am Anfang des Buches wird ihre Begeisterung für Wörter und Sprache lang und breit ausgedehnt. Sehr lang und breit. Viele Leser, auch mich, hat gerade dieser Anfang etwas verstört. Es dauert ziemlich lange, bis Havarius Opal erscheint und etwas Schwung in die Geschichte bringt.

Diese lange Einleitung, fühlt sie sich beim Lesen nicht etwas danach an, als würde man sich nachts im Bett wälzen und nicht einschlafen können? Das ist jetzt erst mal nicht das beste Kompliment, das man einem Buch machen kann. Aber wenn man es ein bisschen weiterdenkt, dann wird es fast schon zu einem genialen Kunstgriff: Der Leser fühlt sich beinahe so, wie sich auch die von Schlaflosigkeit gequälte Prinzessin fühlen muss: Auf die Folter gespannt. Irgendwann ist es dann endlich doch so weit. Die Reise ins Reich der Träume beginnt und damit auch die Action.

Achtung: Dieser kurze Absatz enthält massive Spoiler zur Handlung

Blöd nur, dass der Reiseführer ein Nachtmahr ist und der Aufenthalt in der Traumwelt uns zum Zentrum der Angst führt. Erst kann man schon ewig nicht schlafen, dann kommt natürlich auch noch ein Alptraum daher. Danke dafür. Immerhin zerplatzt Havarius Opal am Ende in tausend Teile, genauso wie sich ein Traum ins Nichts auflöst, wenn man die Augen aufschlägt.

Sehen wir es von dieser Perspektive aus, dann wird Prinzessin Insomnia zur Umsetzung einer unerfreulichen, qualvollen Nacht in Buchform. Eigentlich mehr Gemälde als Buch. (Paradoxerweise kann man zum dazugehörigen Hörbuch ganz wundervoll einschlafen. Schon wieder völlig ungewollt kein wirkliches Lob.) Und wenn man nach dem Lesen nicht genau weiß, was man jetzt davon halten soll – gleicht das nicht auch irgendwie diesem geräderten Gefühl nach einer Nacht unbefriedigenden Schlafes, die weder erholsam noch erfrischend war?

Nur eine Frage bleibt am Ende: Hat Prinzessin Dylia ihr Abenteuer wirklich erlebt, oder war es nur ein wirrer Traum?

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Schöne Rezension.

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