Subcreation

In Stichpunkten festgehalten: J.R.R. Tolkien – On Fairy Stories

Dieser Beitrag ist etwas experimentell. Er besteht aus einer stichpunktartigen Zusammenfassung des Aufsatzes On Fairy Stories von J.R.R. Tolkien, den ich recht interessant finde. On Fairy Stories stammt aus dem Jahr 1939.

Begriffe

Tolkien benutzt die Begriffe Faerie und Fairy. Ich übernehme diese Begriffe hier, denn keine Übersetzung würde die Bedeutung komplett und unverfälscht transportieren.
Faerie bezeichnet ein magisches Reich, in dem mystische Wesen wie Elfen, Drachen, Feen, Zwerge zu Hause sind. Mit dem Begriff Fairy meint er nicht nur kleine, weibliche, elfenhafte Wesen, sondern insgesamt die magischen Bewohner von Faerie.
Fairy Stories sind also Geschichten über Faerie und dessen magische Bewohner. Essentiell für diese Geschichten ist es, dass sie als wahr präsentiert werden.

Der Ursprung von Fairy Stories

Tolkien benutzt die Metapher eines Kessels voll Suppe. Im Kessel schwimmen verschiedene Zutaten, der Stoff, aus dem die Geschichten gemacht werden. Im Lauf der Zeit werden diesem Kessel immer wieder neue Zutaten hinzugefügt, der mögliche Stoff für Geschichten erweitert sich. Die Elemente, die bereits im Kessel waren, verbinden sich mit denen, die neu hineingeworfen werden. Die neuen Elemente können sich regional unterscheiden, weshalb es oft vorkommt, dass verschiedene Kulturkreise Geschichten haben, die sich im Kern ähnlich sind. Was in diesem Kessel ist und bleibt sind Dinge, bei denen die Erzähler Bedeutung gespürt haben. Die individuelle Suppe/Geschichte ist das, was schließlich der Koch aus diesem Kessel auf den Teller bringt. Die getroffene Auswahl ist wichtig, die Köche wählen nicht blind aus, was erzählt wird. Die Details und die Ausgestaltung einer Geschichte hauchen dem Plot erst Leben ein.

Fairy Stories sind sehr alt und universell. Sie haben drei wichtige Aspekte: Den Mystischen (der die Verbindung zum Übernatürlichen darstellt), den Spiegel von Hohn und Schande (die Verbindung zum Menschen) und als wichtigsten den Magischen (die Verbindung zur Natur).
Der Mensch schafft in seiner Fantasie neue Dinge aus dem Existierenden, er wird zu einem – wie Tolkien es nennt – Subcreator. Faerie setzt die Visionen der Fantasie um. Dafür nutzen wir den erfinderischen, fantasiereichen Geist, Sprache und das (Weiter)Erzählen.

Der Wert und die Funktion heutzutage

Hier macht Tolkien drei Hauptpunkte fest.

1) Kinder
Fairy Stories werden oft als „was für Kinder“ angesehen, nichts womit sich Erwachsene beschäftigen, oft leicht abschätzig. Oft heißt es, dass nur Kinder diese Geschichten als wahr glauben können, doch auch Erwachsene haben die „suspension of disbelief“. Ist der Erzähler ein guter Subcreator, können wir in die Welt eintauchen, denn dann ist sie glaubwürdig. Vielleicht ist diese Immersion für Kinder tatsächlich einfacher.
Entscheidend für den Genuss der Geschichte ist nicht, ob diese Dinge wirklich passieren könnten, entscheiden ist, ob sie wünschenswert sind. Die Fantasie ist der Kern des Verlangens, der Wunsch nach anderen Welten.
Daher sollten Fairy Stories nicht primär und nur mit Kindern assoziiert werden.

2) Fantasie
Fantasie ist das Ausformulieren der Imagination. Sie ist die reinste und wirkungsvollste Form der Kunst, auch wenn sie oft negativ als „träumen“ abgetan wird. Am besten ist sie als Storytelling in Literatur umgesetzt. (Drama und Fantasie sind im Übrigen natürliche Feinde, sie sind fundamental verschieden. Die Bühne des Dramas löst die Fantasie auf. [Anmerkung: Es würde mich interessieren, wie Tolkien hier die moderne Animationstechnik mit ihren Möglichkeiten bewerten würde.)
Je weiter die Elemente in der Fantasie von der Realität entfernt sind, desto schwieriger ist es, eine schlüssige Welt zu schaffen. Dieser Vorgang erfordert Aufwand und narrative Kunst.
Fantasie ist die subkreative Kunst, sie will verzaubern und befriedigt die Sinne. Sie liegt in der Natur des Menschen, ist eine natürliche menschliche Aktivität. Viele verstehen sie nicht richtig. Je klarer und schärfer der Verstand ist, desto besser im übrigen die Fantasie. Ein klarer Verstand hat Augen für die Wahrheit, die die Basis für Fantasie ist.

3) Erholung, Eskapismus und Trost
Erholung bedeutet hier das Wiedererlangen einer klaren Sicht, das Entfernen der scheinbaren Vertrautheit, Banalität und Tristesse der Dinge. Ein aufgefrischter Blickwinkel kann alte Gewohnheiten aufbrechen. Fantasie ist aus der Realität gemacht, ein guter Handwerker/Erzähler kennt sein Material und macht etwas Besonderes aus ihm. Der größte Bestandteil von Fairy Stories sind ganz fundamentale Dinge.
Eskapismus kann sehr praktisch sein. Jedenfalls wenn man ihn als Flucht eines Gefangenen versteht, nicht als Flucht eines Deserteurs. Weil Fairy Stories sich mit diesen ganz fundamentalen Dingen der Natur befassen, erlauben sie Freiheit von modernen Entwicklungen (Mondlicht statt Straßenlaternen als Beispiel). Sie verbleiben in der Natur. Sind Autos lebendiger als Drachen? Das moderne Leben wird oft als roh und hässlich empfunden, was den Wunsch ihm zu entkommen und zur Natur zurückzukehren hervorruft. Ganz generell scheinen das Böse und das Hässliche verbunden zu sein. Wahrhaft Böse und Schön ist zusammen schwierig vorstellbar. Diesen eskapistischen Aspekt, die Sehnsucht nach einer ursprünglicheren Natur, haben selbstverständlich auch andere Geschichten.
Ein weiterer eskapistischer Aspekt ist die Freiheit von uralten Limitierungen, etwa zu fliegen wie ein Vogel, zu schwimmen wie ein Fisch, oder auch mit anderen Kreaturen zu kommunizieren. Dazu kommt der älteste Wunsch nach Flucht, den wir in uns tragen: Die Flucht vor dem Tod.
Fairy Stories erlauben uns eine imaginäre Befriedigung dieser uralten Verlangen.
Der Trost eines Happy End ist ebenfalls sehr wichtig. (Hier wieder der Gegensatz zum Drama, das in der Form der Tragödie wieder das Gegenteil ist). Als Gegensatz zur Katastrophe benutzt Tolkien das Wort Eukatastrophe („die gute Katastrophe“). Die Eukatastrophe ist die wichtigste Funktion und wahre Form von Faerie Stories. Natürlich ist sie nicht garantiert, die Geschichten dürften die Möglichkeit einer Katastrophe nicht leugnen. Ein gelungenes Happy End erhebt unsere Herzen.

Die Freude und Befriedigung, die eine erfolgreiche (konsistente) Geschichte der Fantasie hervorruft, kann durch eine tieferliegende Wahrheit erklärt werden.

 

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