Leo Perutz – Der Judas des Leonardo

Bis vor kurzem war mir Leo Perutz kein Begriff. Momentan bin ich dabei, mich für ein Seminar an der Uni in seine Romane einzulesen und mir ein erstes Bild von ihnen zu machen. Den Auftakt macht Der Judas des Leonardo, eine unterhaltsame Geschichte von Liebe, Ehre, Kunst und Gier.

 

Die Suche eines Künstlers

Mailand um 1500: Leonardo da Vinci arbeitet an seinem berühmten letzten Abendmahl. Mit der Arbeit geht es zäh voran, denn Leonardo fehlt die Vorlage für das Gesicht des Judas. Leonardo malt alle seine Figuren nach einem realen Vorbild, das ein Spiegelbild dessen ist, was er auf der Leinwand einfangen will.

Nicht irgendeinen Spitzbuben oder sonst einen Übeltäter suche ich, nein, den allerschlechtesten Menschen in ganz Mailand will ich finden

Sein Judas, meint Leonardo, muss jemand sein, der in der Lage ist, aus selbstsüchtigem Stolz seine eigene Liebe zu verraten, so wie es der echte Judas tat.

Zeitgleich ist der Kaufmann Joachim Behaim in Mailand um dort Geschäfte zu machen und um eine alte Schuld von 17 Dukaten einzutreiben. Sein Schuldner ist ein gewisser Boccetta, ein zwielichtiges Individuum, dafür bekannt, raffgierig zu sein und sich mit allerlei semilegalen Tricks um seine Schulden zu drücken. So bekannt ist Boccetta hierfür, dass Wetten auf Behaims Scheitern abgeschlossen werden. Von nun an ist es für Behaim noch mehr als bereits zuvor eine Frage der Ehre, sein Geld zurückzuholen, welche Mittel dafür auch immer nötig sein mögen.

Sein Geld ist nicht die einzige (Rück)eroberung, die Behaim anstrebt: Die schöne Niccola, eine zufällige Begegnung, hat ihm den Kopf verdreht.

 

Ein Auszug aus Kapitel 7: 

„Ich dachte, Ihr wäret ein Edelmann und aus großem Hause. So ist’s mir lieber. Denn es ist nicht gut, wenn in der Liebe der eine Kuchen ißt und der andere nur ein wenig Hirsebrei.“
„Was soll das?“ fragte Behaim, der, weil ihm der Boccetta in den Sinn gekommen war, nur mit halbem Ohr zugehört hatte. „Deswegen, weil ich nicht von Adel bin, nennst du mich Hirsebrei?“
„Ich“, erklärte ihm Niccola, „bin Hirsebrei, und Ihr seid der Kuchen.“
„Du? Hirsebrei? Was redest du da?“ ereiferte sich Behaim, und er hörte auf, an den Boccetta zu denken. „Hirsebrei! Du weißt es sehr gut und willst es nur wiederrum von mir hören, daß du in Mailand die Allerschönste bist und mir die Allerliebste, und eine, wie du es bist, find ich nicht mehr.“

Leo Perutz: Der Judas des Leonardo

Warten auf die Pointe

Leo Perutz verbindet reale Figuren (Leonardo) und fiktive Figuren (Behaim) in einem historischen Setting. Von Anfang an ist relativ klar, dass Leonardos Suche nach seinem Judas und die Geschichte um Behaim miteinander verbunden sind.

Der Unterhaltung tut das keinen Abbruch. Denn auch wenn die Spannung zugegeben dadurch limitiert ist, dass sich das Ende im Kern vorausahnen lässt, bleibt doch die Frage, welche Gestalt es schlussendlich hat und wie die Verflechtung der Handlungsstränge und Motive bestellt ist. Obwohl der Text nur gut 200 Seiten hat, können sich die Geschichte und die Atmosphäre dennoch gut entfalten. Dazu hat der Roman seinen ganz eigenen Witz und ist durchgehend unterhaltsam erzählt, er lässt sich locker-flockig weglesen.
Und wer seine Literatur etwas ernster mag, der hat Gelegenheit, sich zu fragen, ob die Figuren ihre Prioritäten richtig setzen und aus moralischer Sicht „richtig“ handeln.

Der Judas des Leonardo war Leo Perutz‘ letzter Roman. Er ist posthum erschienen, nachdem er ihn zwischen 1941 und 57 im Exil (als Jude musste er aus Österreich fliehen) geschrieben hatte.
In den nächsten Wochen werde ich noch ein paar weitere Romane von Leo Perutz vorstellen.

 

Die Daten zum Buch
Autor: Leo Perutz
Titel: Der Judas des Leonardo
Jahr: 1959
Seiten: 217
Verlag: dtv
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Ich kann es, Herr Behaim, nicht fassen, daß ihr in dieses Mißgeschick geraten seid, mit ihm –

 

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