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[1/100] Bernal Díaz del Castillo – Die Eroberung von Mexiko

Ich habe das #dickebüchercamp zum Anlass genommen, Die Eroberung von Mexiko als das erste Buch meines 100 Bücher Projekts auszuwählen. Es war eine positive Überraschung gleich zu Beginn. Im ersten Teil des Beitrags sage ich euch, was ich vom Buch selbst halte, im unteren Teil des Beitrags habe ich für alle Interessierten eine möglichst kurze Zusammenfassung der Eroberung geschrieben, so wie Bernal Diaz sie uns schildert.

 

Warum mich das Buch überrascht hat

1519 zogen ca. 500 spanische Soldaten auf eine Expedition nach Mexiko, um unter der Führung von Hernan Cortes die spanische Herrschaft auszudehnen. Bernal Diaz del Castillo war einer dieser Konquistadoren.

Aus der Expedition wurde ein Eroberungsfeldzug. Die Spanier schafften es innerhalb von zwei Jahren, das Aztekenreich mit seinen geschätzten 25 Millionen Einwohnern zu erobern, und die Hauptstadt Tenochtitlan zu zerstören. Gut 40 Jahre später schrieb Bernal Diaz die Geschichte dieser Eroberung auf.

Einer von nur 500 Männern, die von Beginn bis Ende dabei waren. Die meisten dürften in all den Jahren voller lebensbedrohlicher Umständen und Gefahren ums Leben gekommen sein. Es ist ein Wunder, dass wir diesen Bericht haben.

Ich hatte zunächst die Befürchtung, dass ein Buch, das im 16. Jahrhundert geschrieben wurde, und das eigentlich ein Bericht ist, altbacken und etwas zäh werden könnte. Doch schon nach ein paar Seiten war klar, dass das hier nicht der Fall sein wird. Die Sprache des Buches ist lebendig und modern, umständliche Schachtelsätze sucht man vergebens.

Dazu war Die Eroberung von Mexiko auch tatsächlich spannend zu lesen. Ja, man weiß zwar, dass die Spanier am Ende gewinnen – so viel Allgemeinbildung dürfte vorhanden sein – darüber hinaus hat man als durchschnittlicher Deutscher aber eher wenig Informationen über diesen Teil der Geschichte. Die Eroberung von Mexiko ist eine Geschichte voller Kämpfe, Hinterhalte und politischer Intrigen, eine Reise in unbekanntes Gebiet so dass es oft spannend war, wie die nächsten Schritte sein werden.

Nach der Zerstörung Tenochtitlans flacht der Spannungsbogen des Buches dann ein kleines wenig ab, da das eine große Ziel fehlt. Politische Fragen und kleinere Scharmützel gewinnen an Bedeutung. Dennoch sind die Geschehnisse faszinierend.

Vieles ist beinahe unvorstellbar. Man stelle sich vor, einer der Eroberer zu sein, jahrelang durch unbekanntes Land zu ziehen, immer in voller Rüstung, ständig im Krieg und numerisch weit unterlegen, dazu die meiste Zeit von Hunger, Krankheiten und Wunden geplagt. Oder man stelle sich die Gegenseite vor, die auf einmal auf diese Fremden trifft, mit ihren Pferden, ihren Kanonen, ihrem Stahl, die fordern, die eigene Religion aufzugeben.

Die Übersetzung der Auflage aus dem Insel Verlag stammt von Anneliese Botond. Dazu wurde sie von Georg Adolf Narciß bearbeitet, der einige Wiederholungen und unnötige Details gekürzt hat. Diese Kürzungen kommen dem Erzähltempo sehr zugute, es wird nie ermüdend. Dennoch bleiben über 600 Seiten an Erzählung übrig, weshalb ich des Öfteren froh über das ausführliche Register war, wenn ich einen der vielen Namen nicht mehr genau zuordnen konnte.

Ein kleiner Negativpunkt sind die Karten. Es gibt nur zwei von ihnen, die dazu noch viel zu klein und schwer lesbar sind. Da hätte ich mir besseres Material gewünscht, um die Eroberungszüge auch geografisch noch besser nachvollziehen zu können.

 

Auszug aus Kapitel 7: 

Aus diesem Grund hörten die Tlaxcalteken unsere Boten gar nicht an. Sie warfen sie sofort ins Gefängnis. Wir warteten zwei Tage vergeblich auf ihre Rückkehr.
Dann brachen wir auf. Unterwegs trafen wir unsere Boten. Freunde hatten sie heimlich befreit. Sie waren sehr niedergeschlagen und wagten zunächst nicht, zu sprechen. Endlich berichteten sie, daß man sie gleich festgenommen, übel beschimpft und bedroht habe. Man habe ihnen gesagt: „Jetzt brechen wir auf, um die Leute, die ihr Teules[*] nennt, umzubringen. Dann wird sich ja zeigen, ob sie so tapfer sind, wie ihr behauptet. Wir werden sie und euch verzehren; denn ihr kommt mit arglistigen Absichten zu uns. Ihr kommt im Auftrag des Verräters Monteczuma!“ Die Boten mochten dagegen sagen, was sie wollten, die Tlaxcalteken glaubten ihnen nicht.

[* Anm: Teules ist die indianische Bezeichnung für die Spanier. Sie bedeutet so viel wie Götter/gottähnliche Wesen.] Bernal Díaz del Castillo: Die Eroberung von Mexiko
Daten zum Buch
Autor: Bernal Díaz del Castillo
Titel: Die Eroberung von Mexiko
Jahr: ~1576
Seiten: 697
Verlag: Insel Verlag
Kaufen: Amazon (Affiliate-Link) 

Wie die Eroberung von Mexiko ablief

Ich habe versucht, mich in diesem Teil so kurz wie möglich zu fassen und trotzdem ist es viel Text geworden. Doch es hätte viele Zusammenhänge unverständlich gemacht, auf noch mehr zu verzichten. Detailversessene Historiker mögen gnädig sein und mir verzeihen.

Die Azteken vor Cortes

Das Reich der Azteken existierte noch gar nicht einmal so lange. Die Azteken kamen erst im 14. Jahrhundert nach Mexiko und errichteten mitten im Texcoco-See die Stadt Tenochtitlan (Bernal Diaz nennt diese Stadt nach ihrem späteren Namen „Mexiko“). Schnell wurden die Azteken immer stärker, bis sie, bei der Ankunft der Spanier, die vorherrschende Macht in diesem Gebiet waren. Sie waren an der Spitze eines Dreibundes mit zwei benachbarten Völkern.

Unterworfene Völker mussten Tribute leisten, ansonsten wurden ihnen aber kaum Strukturen aufgezwungen. Herrschaftsmittel war vor allem die militärische Macht. Daher war das Aztekenreich vergleichsweise fragil.
Als Cortes 1519 ankam, war Monteczuma II. Herrscher der Azteken.

Eine besondere Praxis der Azteken waren die Blumenkriege. Ein Ziel dieser Blumenkriege war es, Kriegsgefangene zu erbeuten, die als Menschenopfer für die Götter dienten. Dazu konnte durch diese regelmäßigen Konflikte die Überlegenheit des aztekischen Militärs demonstriert und bestätigt werden. Auch deshalb waren die Azteken bei vielen unterworfenen und benachbarten Völkern nicht am oberen Ende der Beliebtheitsskala.

Menschenopfer und Kannibalismus spielten in der Religion der Azteken eine große Rolle. Eine Ausnahme davon war Quetzalcoatl, der Menschenopfer ablehnte. Quetzalcoatl war für die Azteken selbst ein vergleichsweise niedriger Gott, wurde aber von fast allen der Völker in der Region verehrt. Er wurde eines Tages vertrieben, doch eine Legende sagte, dass er  aus Osten zurückkommen wird, um die Macht zu übernehmen. Es ist denkbar, dass die Legende um Quetzalcoatl erst nachträglich konstruiert wurde, um die Ereignisse im Nachhinein zu legitimieren.

Die Ankunft der Spanier

Zwei frühere Expeditionen in den Jahren 1517 und 1518 verliefen für die Spanier desaströs. Bernal Diaz war bereits Teil beider Expansionen. Sie verloren viele Männer und Schiffe und wurden zurückgeschlagen. Doch sie brachten die Nachricht mit, dass es ein Mexiko Gold gab.

So wurde von Kuba aus eine dritte Expedition gestartet, die Expedition des Cortes. Der Gouverneur von Kuba, Diego Velazquez, wollte den Aufbruch verhindern, weil er Cortes‘ Ehrgeiz fürchtete, konnte es aber nicht. Er wurde zu einem Gegner Cortes‘ und versuchte immer wieder, ihn zu behindern und auszuschalten.

Als die Spanier die Küste entlangsegelten, fanden und befreiten sie einen Landsmann namens Aguilar, der seit Jahren in indianischer Gefangenschaft war und die Sprache beherrschte. Mit ihm hatten die Konquistadoren einen wichtigen Dolmetscher. Eine andere, für die Eroberungszüge unglaublich wichtige, Dolmetscherin wurde Malinche, die Donna Marina, wie die Spanier sie nannten. Sie war eine eingeborene Adlige, die in die Sklaverei verfallen war. Malinche wurde Cortes als Sklavin geschenkt, wurde aber bald eine Geliebte und für die Expedition zu einer Schlüsselfigur.

Als Cortes schließlich landete, gründete er die Stadt Vera Cruz, die zu einer wichtigen Basis werden sollte. Im Kontakt mit den Eingeborenen erfuhr er vom Goldreichtum des Landes und erhielt viele wichtige Informationen zu den politischen Verhältnissen. Cortes wollte ein Treffen mit Monteczuma, um diesen als Untertan für den spanischen Kaiser zu gewinnen, Monteczuma wollte ein Treffen verhindern.

Wir erinnern und kurz zurück an die Legende, dass Quetzalcoatl eines Tages von Osten aus zurückkommen werde. Die Indianer nannten die Spanier laut Bernal Diaz „Teules“, was so etwas wie Götter bedeutet. Pferde hatten sie noch nie gesehen, so dass ihnen die Reiter als übernatürliche Wesen erscheinen mussten.

Nach einer alten Überlieferung soll ein Götze, den ihre Vorfahren besonders verehrt haben, ihnen prophezeit haben, daß eines Tages von Sonnenaufgang her Leute kämen, die das Land unterwerfen und beherrschen würden. Sie würden sich freuen, wenn wir damit gemeint seien;

Der Marsch nach Tenochtitlan

Um ein Treffen mit Monteczuma zu erzwingen, begann Cortes, ins Landesinnere zu ziehen.

Sein Weg führte zu Kontakt mit den Tlaxcalteken, die seit langem Feinde der Azteken waren. Die Spanier konnten die Tlaxcalteken im Kampf schnell besiegen und gewannen sie danach als Verbündete. Von ihnen erhielten sie einige tausend Krieger, dazu Vorräte.

In der Stadt Cholula besiegten die Spanier auf dem Weg ein aztekisches Heer, das einen Hinterhalt plante. So wurde den Azteken deutlich, die Spanier nicht zu unterschätzen.

Boten des Monteczuma versuchten noch einmal, Cortes davon abzuhalten, nach Tenochtitlan zu kommen, doch Cortes lies es sich nicht aus dem Kopf schlagen.

Karte aus dem Buch. (Anklicken zum Vergrößern)

Die Spanier in Tenochtitlan und La Noche Triste

Als sie in die Stadt kamen, wurden die Spanier friedlich und ehrenvoll empfangen. Es wird gesagt, dass Monteczuma sich Cortes, den er für den Gott Quetzalcoatl hielt, unterworfen habe, doch Historiker vermuten, dass es sich dabei um einen Mythos handelt, der die spanische Herrschaft legitimieren sollte.

Mit der Zeit kam es zwischen Azteken und Spaniern allerdings zu Spannungen in Sachen Religion. Die Spanier wollten keine Menschenopfer mehr dulden und die Azteken zum Christentum bekehren. Statt der heidnischen Tempel wollten sie Altäre mit dem Bild Marias errichten. Generell versuchten die Spanier jedes Volk, das sie trafen, zu bekehren.

Um ein Druckmittel zu haben, das ihnen Schutz bot, zwangen die Spanier den Monteczuma, sich als Gefangener in ihr Quartier zu begeben. Monteczuma spielte das Spiel freiwillig mit, er versuchte weiterhin, freundlich zu den Spaniern zu sein. Formal war er noch Herrscher, in Wirklichkeit aber Marionette des Cortes.

Moteczuma sagte einmal, daß ihm die Gefangenschaft gar nicht so unangenehm sei. Unsere Götter hätten uns ja dazu die Macht gegeben, und seine Götter hätten nichts dagegen unternommen. Cortes und Pater Bartolome nutzten diese Bemerkung natürlich gleich dazu aus, um den Fürsten noch einmal die Grundsätze unserer heiligen Religion klarzumachen. 

Zu dieser Zeit landete ein Heer des kubanischen Gouverneurs Velazquez, der Cortes stoppen wollte. Dieses Heer war fünfmal größer als das, was Cortes selbst zur Verfügung hatte. Cortes zog diesem Heer entgegen. Durch Bestechung und Intrigen gelang es ihm, die meisten zum Überlaufen zu bewegen. So konnte er seine Streitmacht bedeutend stärken.

Als Cortes nach Tenochtitlan zurückkehrte, musste er feststellen, dass ein Aufstand gegen die zurückgebliebenen Spanier losgebrochen war. Die Spanier wurden in ihren Quartieren eingeschlossen und belagert. Die Azteken durchbrachen die Dämme, die aus der Stadt hinausführen, so dass die Spanier eingeschlossen waren.

Als Monteczuma starb, verloren die Spanier ihr Druckmittel und es blieb ihnen nur, die Flucht aus der Stadt zu wagen. Der Plan war es, die Dämme durch provisorische Brücken wieder zu schließen und die Stadt nachts heimlich zu verpassen. Doch sie wurden entdeckt. Die Flucht endete in einem Massaker, bei dem drei Viertel der spanischen Soldaten und fast alle der tlaxcaltekischen Verbündeten entweder umkamen, oder gefangen und geopfert wurden: La Noche Triste, die traurige Nacht.

Eine Folge von La Noche Triste war, dass Cortes sich zunächst zurückziehen musste. Die andere Folge war weit schwerwiegender. Unter den gefangen Spaniern befand sich ein Mann, der die Pocken hatte. Diese Krankheit war zuvor in Mittelamerika vollkommen unbekannt, so dass die Azteken schutzlos waren. In Tenochtitlan brach eine Epidemie aus, die in kurzer Zeit knapp die Hälfte der Bevölkerung dahinraffte. Die Pocken waren Cortes‘ stärkste Verbündete. Während die Spanier sich von La Noche Triste erholten, verloren die Azteken viele Soldaten und Anführer an die Krankheit.

Die Indianer kannten sie noch nicht und behandelten sie wie alle ihre Krankheiten mit Wasser und mit Bädern, wodurch die Pocken nur noch schlimmer wurden. 

Der Fall von Tenochtitlan

Die überlebenden Spanier zogen sich vorerst zu den verbündeten Tlaxcalteken zurück. Doch statt ganz zu fliehen plante Cortes eine Revanche. Er befahl, dreizehn Brigantinen bauen zu lassen, die bei der Eroberung der Stadt im See helfen sollten.

Bevor er Tenochtitlan erneut angriff, zog Cortes um den See und unterwarf viele Städte, die zuvor den Azteken untergeben waren. So dezimierte er nach und nach die Anzahl ihrer Verbündeten. In vielen Fällen war es nicht schwer, die Stämme dazu zu bewegen, von den aztekischen Herrschern abzufallen. Sie waren zu unbeliebt.

Tenochtitlan wurde über den See durch Kanus versorgt. Der Plan der Spanier war es, diese Versorgungslinien zu unterbrechen und die Azteken so zu schwächen. Sie belagerten zusammen mit ihren Verbündeten die Stadt.

Die Kämpfe waren zäh und die Azteken wehrten sich verbittert, doch nach über drei Monaten Belagerung waren die Spanier schließlich erfolgreich. Die Stadt wurde geplündert und lag zu großen Teilen in Trümmern, denn die Spanier konnten während der Kämpfe nur dann nach und nach an Boden gewinnen, wenn sie die Gebäude niederrissen. Später begann der Wiederaufbau.

In den Jahren danach

Nach dem Fall Tenochtitlans ging es vor allem um die Konsolidierung der Herrschaft. Missionare kamen ins Land, Rebellionen und Aufstände mussten niedergeschlagen werden – das übliche.

Cortes‘ alte Feinde in Kuba und Spanien arbeiteten immer wieder daran, ihn beim Kaiser in schlechtem Licht stehen zu lassen und ihm politisch zu schaden. Der Kaiser war weit weg, niemand in Spanien kannte die Situation vor Ort, was Einflussnahme leichter machte. Es ging darum, Ruhm, Beute und Herrschaft zu verteilen.

Cortes hatte den Ehrgeiz, in allen Dingen den großen König Alexander von Mazedonien nachzuahmen. Sein Machtstreben kannte keine Grenzen. 

1924 schließlich zog Cortes los, um auch Honduras zu erobern. Er zwang viele der alten Eroberer – darunter auch Bernal Diaz – ihn auch auf diesem Feldzug zu begleiten. Diese Expedition verlief wenig erfolgreich. Die Soldaten verhungerten fast, viele starben in Kämpfen mit Eingeborenen. Sie waren beinahe zwei Jahre unterwegs. In Vera Cruz und den alten Eroberungen ging das Gerücht um, auch Cortes sei gestorben. Weil das seinen Gegnern eine gute Gelegenheit bot, Cortes‘ Macht anzugreifen, kehrte er zurück.

Seine Gegner hatten währenddessen beim Kaiser erwirkt, dass Beamte nach Mexiko geschickt wurden, um die Situation zu untersuchen. So verlor Cortes seinen Statthalterposten. Er suchte in Spanien den Kaiser auf, um viele Verleumdungen richtig zu stellen und wurde für seine Verdienste belohnt, politische Macht erhielt Cortes jedoch nicht mehr.

Cortes unternahm noch eine weitere Expedition nach Kalifornien, doch auch diese war erfolglos. Es schien, als hätte er im Kampf gegen die Azteken all sein Glück aufgebraucht.

 

Ein Tipp zum Schluss: Daniele Bolelli hat in seinem Podcast History on Fire vier Folgen zu genau dieser Geschichte veröffentlicht. Wer von Englisch mit starkem italienischem Akzent nicht abgeschreckt wird, wird damit seine Freude haben.

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