Bücher

[3/100] Umberto Eco – Der Name der Rose

Auch das dritte meiner einhundert Bücher erhält ohne Zweifel die Bezeichnung lesenswert. Doch leichte Kost, „was schnelles für zwischendurch“, ist Der Name der Rose sicherlich nicht. Warum dem so ist, und warum meine zwei kleinen Kritikpunkte nicht unbedingt welche sind, erfahrt ihr in diesem Beitrag.

 

Ein detailreicher Mittelalterkrimi

„Am Anfang war das Wort.“ Der erste (Halb-)Satz von Umberto Ecos Der Name der Rose ist bereits programmatisch. Worte sind es, womit wir uns darüber verständigen, was ist, wir müssen sie nur verstehen. Worte sind es auch, die der (mehr oder weniger) heimliche Mittelpunkt von Der Name der Rose sind, das zunächst als mittelalterliche Detektivgeschichte daherkommt.

In einem Vorwort gibt Umberto Eco seinem Roman den Rahmen einer verborgenen alten Handschrift, welche ihm in die Hände gefallen ist, die Aufzeichnungen des Mönchs Adson von Melk, der fortan unser Erzähler sein wird. Umberto Eco übersetzt dieses Manuskript für uns aus dem Lateinischen, belässt aber immer wieder einzelne Sätze in Latein, zumeist Zitate alter Autoritäten, die die Mönche rezitieren. Man mag argumentieren, dass so die Manuskriptfiktion und die Immersion gestärkt werden, doch ohne Frage unterbricht es den Lesefluss, denn die Übersetzung dieser Zitate befindet sich hinten im Anhang. Das ist der erste kleine Kritikpunkt, den ich anbringen muss.

Der zweite Kritikpunkt, der ebenfalls klein und ebenfalls Geschmackssache ist, ist Umberto Ecos Liebe zum Detail. Beschreibungen, etwa bei Gebäuden, sind oft lange und ausführlich, so dass man ein deutliches Bild der Abtei erhält, auf den Fortgang der Ereignisse aber zunächst warten muss. Doch zum Glück ist eine Abtei ein begrenzter Raum und die Geschichte gewinnt nach gut 100 Seiten an Fahrt.

Sherlok Holmes mit Mönchen

Doch wovon erzählt Der Name der Rose nun eigentlich? Wie erwähnt haben wir es mit dem Mönch Adson zu tun, der als Gehilfe mit seinem Meister William von Baskerville im Jahr 1327 irgendwo im Norden Italiens unterwegs ist. Baskerville? Klingt nach Sherlok Holmes, werden viele sofort denken. Und auch Adson ist von Watson nicht weit entfernt. Die Figurenanlage ist in der Tat sehr ähnlich.

Der eigentliche Grund ihrer Reise ist ein Treffen, bei dem, auf neutralem Boden in der namenlosen Abtei, ein Streit um politische und theologische Ansichten rivalisierender Gruppen innerhalb der Kirche geschlichtet werden soll. Als William und Adson im Kloster eintreffen, berichtet ihnen der Abt, dass vor kurzem der Mönch Adelmus tot aufgefunden wurde. William, für seine Klugheit bekannt und früher ein Inquisitor, soll helfen, den Todesfall zu erkunden.

Eine der Spuren führt in die große Bibliothek des Klosters, den einzigen Ort, den William und Adson nicht betreten dürfen.

Ein Auszug aus Kapitel 7: 

William und ich hatten nicht im Chorgestühl Platz genommen, sondern uns in das Hauptschiff zurückgezogen. Dort sahen wir plötzlich Malachias aus dem Dunkel einer Seitenkapelle auftauchen.
„Merk dir die Stelle“, raunte William mir zu. „Vielleicht ist da ein Gang, der zum Aedificium führt.“
„Unter dem Friedhof hindurch?“
„Warum nicht? Es muß sogar, wenn man es recht bedenkt, irgendwo ein Ossarium geben, Katakomben oder dergleichen. Es kann doch nicht möglich sein, daß alle Mönche, die in den Jahrhunderten hier gestorben sind, allein auf diesem kleinen Friedhof begraben wurden.“
„Ja wollt ihr denn wirklich nachts in die Bibliothek eindringen?“ fragte ich erschrocken.
„Wo die Geister verstorbener Mönche umgehen? Wo Schlangen und mysteriöse Irrlichter sind? …“

Umberto Eco: Der Name der Rose

 

Ja, er will, so viel vorneweg. Nach und nach stößt William auf dunkle Geheimnisse der Bibliothek, doch das verhindert nicht die weiteren Morde, die in ihrem Ablauf an die Prophezeiung der Apokalypse erinnern.

Eine geisteswissenschaftliche Fundgrube

Das Setting einer mittelalterlichen Abtei und einer Bibliothek erlaubt es Umberto Eco, zahlreiche verschiedene Diskurse einzubinden. Uns begegnen Fragestellungen der Philosophie, der Theologie und natürlich der Sprachwissenschaft. Dazu treffen wir auf mittelalterliche Politik und Religionsgeschichte, auf Häretikergruppierungen und das abendländische Schisma. Es entsteht ein beeindruckendes und umfangreiches Gesamtbild.

Sehr interessant ist unter anderem die Diskussion darüber, ob das Wissen der Bibliothek verborgen sein sollte, um es zu bewahren, oder ob es zugänglich sein sollte, um es zu erforschen und zu mehren. Beide Seiten haben eine logisch-schlüssige und interessante Argumentation, auch wenn uns die theologischen Argumente, das Wissen zu versperren, in unserem Wikipedia-Zeitalter seltsam scheinen.

Unser Erzähler Adson muss sich zudem der amüsanten Frage stellen, wie er als zölibatärer Mönch mit dem Problem des Verliebtseins zurechtkommen kann. Wie lässt sich die Krankheit der Liebe heilen? Vielleicht bietet eines der Bücher eine Antwort.

Diese Fülle an Diskursen, Denkweisen und Informationen ist es, die Der Name der Rose zu mehr als „nur“ einer Detektivgeschichte werden lässt. Womit dieser Teil der Geschichte allerdings auf keinen Fall herabgewürdigt werden soll, denn die Frage nach den Morden und ihrer Ursache ist bis zuletzt spannend und endet in einem dramatischen Finale.

 

Daten zum Buch
Autor: Umberto Eco
Titel: Der Name der Rose
Jahr: 1980
Seiten: 579
Verlag: dtv
Kaufen: Amazon (Affiliate-Link) 

 

Der Name der Rose weist eine beeindruckende Tiefe auf. Wer sich für einen anspruchsvollen Krimi begeistern kann, wird ganz auf seine Kosten kommen.

avatar
  Abonnieren  
Benachrichtige mich zu: