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Graham Chapman – Autobiografie eines Lügners

Graham Chapman? Na, der Brian! Oder auch Arthur, King of the Britons. Graham Chapman ist, oder besser, war, einer der Monty Pythons, der einzige von ihnen, der nicht mehr lebt. Wer würde von so einem Mann erwarten, dass er eine ’normale‘ Biografie geschrieben hat?

 

Lebensgeschichte oder Sketch?

Schon der Titel schreit uns entgegen, dass Graham Chapman es in seiner Biografie mit der Wahrheit nicht all zu genau nimmt. Als weltbekannter Komiker hat er schließlich einen Ruf zu verteidigen, dem er im Buch ohne Frage auch gerecht wird. Statt einer, wie viel zu häufig, eher trockenen und faden Autobiografie, die das eigene Leben im besten Licht darstellen will, warten eine Menge an Verwirrung, Selbsthumor und beste Unterhaltung.

Er berichtet allerhand Geschichten aus einem ereignisreichen Leben, er erzählt von seiner Karriere, seinem Medizinstudium (respektiert keine Ärzte, sie sind nur ehemalige Medizinstudenten), dem Versteckspiel um seine Homosexualität und von seiner Alkoholsucht. Allerdings macht er das auf eine Art und Weise, durch die man sich nie restlos sicher sein kann, ob es auch tatsächlich passiert ist, wovon er erzählt, oder ob es einfach nur ein guter Gag ist.

 

Auszug aus Kapitel 7:

Gayton Crescent 22, neunzehnhundertdingsundsechig.
„Bring-bring“, sagte das Telefon1 (Eine kleine Ungenauigkeit. Es klang eher wie „Bliunnngg-bliunnngg“.)
„Schon gut, Dave, ich geh ran.“
„Bring-bring“, meinte es erneut, und bevor ich ihn aufhalten konnte, hatte Dave den Hörer abgenommen und „Hallo?“ gesagt. Ich fuhr hoch und haute ihm aufs Maul, bevor er noch mehr sagen konnte.
„Wer war das?“ sagte meine Mutter.
„Och, das war einer von den Anstreichern“, sagte ich, weil ich wusste, dass sie wusste, dass ich meine Wohnung renovierte.
„Hörte sich an wie einer von den Anstreichern, mit dem ich schon mal gesprochen habe.“
„Ja, äh, hörte sich möglicherweise ein bisschen so an.“
„Ist ein bisschen spät für einen Anstreicher, oder?“
„Nein. Du verstehst nur nichts von London, Mutter. Wir sind hier nicht in Leicester.“ Ein ganzes Jahr lang hatte ich in Angst gelebt, einer Angst, wie man sie aus der Erzählung Der große Bär von Arkansas von Thomas Bangs Thorpe kennt, Angst vor meiner Entlarvung als das, was ich war, eine TUCKE. Graham Chapman: Autobiografie eines Lügners

 

Kurzeinschätzung

Absolute Leseempfehlung, und das auch für Leute, die mit Biografien normalrweise wenig anfangen können, weil sie nur all zu oft dazu dienen, sich selbst in bestem Licht darzustellen, oder schlicht und einfach zäh sind. Wer Monty Python mag, wird auch dieses Buch mögen.
Völlig egal, welche der biografischen Details nun erfunden oder wahr sind, man erkennt im Autor den Komiker. Das Spiel mit den fünf Co-Autoren und das Vermischen von Fakt und Fiktion ist großartige Unterhaltung, die mich immer wieder zu ungläubigem Lachen gebracht hat.

 

Das Wort „Ja“ verbleibt aus Respekt vor demokratischen Prinzipien in diesem Text. Ohne meine nicht-naturwissenschaftlichen Ko-Autoren hätte ich das akkuratere Wort „Nein“ vorgezogen.
Daten zum Buch
Autor: Graham Chapman
Titel: Autobiografie eines Lügners
Jahr: 2012
Seiten: 334
Verlag: Haffmanns & Tolkemitt
Kaufen: Amazon (Affiliate-Link)

 

Aber… Was können wir ihm überhaupt glauben?

Graham Chapman, dieser Schlingel, hat von Anfang an gar nicht erst vor, sich an Konventionen autobiografischen Erzählens zu halten. Statt uns Lesern die Fakten seines Lebens zu präsentieren (die wahrscheinlich ebenfalls sehr viel interessanter wären, als viele andere Biografien), macht er sich einen Spaß daraus, den Leser zu verwirren. Die Wahrheit darf man ruhig für einen gelungenen Gag opfern.

Das gesamte Buch steht unter dem Zeichen, unzuverlässig zu erzählen. Im Titel erfahren wir, dass es ein selbsternannter Lügner ist, der hier berichtet und auch die beiden Vorworte (warum bescheiden sein und sich auf eines beschränken?) handeln vom „Lügen und den tapferen Männern, die es tun“. Doch halt, es ist nicht nur ein Lügner, mit dem wir es zu tun haben. Es ist außerdem noch ein Alkoholiker und zu allem Übel ein Komiker.

Und wäre das noch nicht genug, wissen wir oft nicht einmal, ob es dieser Lügner, Alkoholiker und Komiker ist, der uns gerade von seinem Leben berichtet. Es könnte genauso gut einer der fünf Co-Autoren sein. (Ein weiterer Co-Autor wurde beim Disput über Tantiemen ermordet.) Müßig zu erwähnen, dass Aussagen dieser Co-Autoren in den Fußnoten gerne mal als frei erfunden oder stark übertrieben entlarvt werden.

Warum sollten wir dann überhaupt auf die Idee kommen, dass irgendwas davon wahr sein könnte, höre ich euch fragen. Weil es eben auch Passagen im Buch gibt, von denen wir ganz klar sagen können, dass sie wahr sind und in denen sich Chapman mit seinen Gags zurückhält. Ja, es ist wahr, dass er Medizin studiert hat und ja, es ist wahr, dass er Drehbücher geschrieben hat und mit Monty Python auf Tournee war. Je mehr Vorwissen wir haben, desto mehr dieser wahren Passagen können wir entdecken.

Der Komiker weiß, dass Anfang und Schluss die Stärksten Eindrücke beim Leser hinterlassen. Wen wundert es da, dass wir es in diesen beiden Teilen des Textes mit den meisten Signalen zu tun haben, die uns klar davor warnen, diesem Erzähler irgendetwas zu glauben? Es ist allerdings sehr nett, dass wir als Leser das Privileg haben, uns für eines von drei angebotenen Geburtsdaten zu entscheiden.

Gewöhnliche Autobiografien nutzen den Abstand zu ihrer Vergangenheit, um reflektierend zurückzublicken. Manche nutzen ihn auch, um einiges zu beschönigen. (Und was Teenie-Promis eigentlich vorhaben, die meinen, mit nicht einmal 20 Jahren bereits Biografien veröffentlichen zu müssen, das weiß kein Mensch). Graham Chapman nutzt seine Autobiografie um ein paar Witze zu reissen. Nicht die schlechteste Variante.
Vor allem wirft das Buch eine Frage auf: Wie sehr können wir eigentlich darauf vertrauen, dass alles, was in Biografien steht, wahr ist?

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