Guy de Maupassant – Der Horla
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Guy de Maupassant hat mit Der Horla eine kurze und trotzdem ungemein unterhaltsame Erzählung geschaffen. Wir erleben eine Mysterium um fortschreitenden Wahnsinn oder aber dem Angriff eines bösartigen Phantoms. Das besondere dabei: Es lässt sich zu keiner Zeit eindeutig sagen, was von beidem wirklich der Fall ist. Für den Leser bleibt viel Spielraum für persönliche Interpretation.

Die Erzählung ist in der Form einer Reihe von Tagebucheinträgen gehalten. Sie beginnen an einem Tag im Mai und enden einige Monate später. Vom Verfasser dieser Einträge wissen wir nicht viel. Sein Name wird nie genannt. Wir können aus dem Text erschließen, dass er männlich ist, nicht verheiratet und einigermaßen wohlhabend. Er besitzt ein Landhaus mit kleiner Dienerschaft in der Nähe von Paris. Und er verliert nach und nach die Fähigkeit klar zu denken…

Inhalt: Der Horla und sein fataler Einfluss

Eigentlich ist es ein schöner Sommer. Der namenlose Erzähler genießt das Wetter und die Landschaft seiner Heimat. Auf der nahen Seine segeln Schiffe aus England und Brasilien vorbei. Doch plötzlich beginnt er sich krank zu fühlen. Fieber, traurige Stimmung, schlechter Schlaf. Dazu trinkt Nachts irgendjemand sein Wasser leer. Schlafwandelt er oder ist da jemand?

Um sich zu erholen, unternimmt er eine Reise in die Berge. Diese scheint auch tatsächlich zu helfen, seine Beschwerden verschwinden. Doch sobald er wieder zurück ist, taucht auch sein Leiden wieder auf.

Bei weiteren Reisen wiederholt sich das Muster. In der Ferne ist er beschwerdefrei. Bei einer Reise nach Paris lernt er einen Arzt kennen, der ihn von der Wirksamkeit der Hypnose überzeugt. Ähnlich wie auch der Magnetismus zeigt sich die Hypnose als unsichtbare Macht, die Dinge steuern kann.

Zurück in seiner Heimat ist unser Erzähler immer mehr davon überzeugt, dass ihn irgendeine unsichtbare Macht gegen seinen Willen beeinflusst. Er versucht, sie irgendwie sichtbar zu machen. Die Sache wird dadurch erschwert, dass ihn dieses unsichtbare Wesen zwingt, sein Haus nicht mehr zu verlassen.

Durch verschiedene Lektüre kommt er zur Schlussfolgerung, dass es sich bei dem Wesen um den Horla handelt, einen exotischen Dämon aus Brasilien. Als er beschließt, dem Horla eine Falle zu stellen, um ihn zu töten, kommt es zur Eskalation.

Drei wichtige Motive der Geschichte

Sehen

Für den Erzähler zählt nur das, was er mit seinen Augen kann. Alles Unsichtbare kann er nicht beweisen. Es bleibt für ihn eine Quelle von Selbstzweifeln.

Um sich wirklich sicher sein zu können, dass es den Horla gibt, muss er eine Möglichkeit finden, ihn zumindest indirekt sichtbar zu machen.

Heimat und Entfremdung

Der Text beginnt mit einer überdeutlichen Beschreibung wie sehr der Erzähler in seiner Heimat verwurzelt ist und welche Schönheit sie für ihn besitzt.

Doch die Heimat wird von einer fremden Macht bedroht. Immer nur dann, wenn er an anderen Orten ist, hat er Ruhe vor dem Horla. Der geliebte Ort wird zum Quell der Pein.

Wahnsinn

Bis zum Ende können wir nicht sagen, ob der Erzähler an einer Geisteskrankheit leidet, oder tatsächlich von einem Dämon besessen ist.

Da wir es mit einem hochgradig unzuverlässigen Erzähler zu tun haben, bleibt es ein Rätsel, ob es das Wesen namens Horla wirklich gibt.

Meine Meinung zu Der Horla

Guy de Maupassants Erzählung ist von Beginn an mitreissend und faszinierend. Schon früh beginnt das Rätsel um den Horla. Auf die Auflösung wartet man vergebens. Gibt es den Horla wirklich, oder nicht? Es lässt sich nicht sagen, denn der Ich-Erzähler könnte Recht haben und wirklich vom Horla besessen sein. Er könnte aber auch ganz einfach immer mehr dem Wahnsinn verfallen.

Der Horla ist auf mehreren Ebenen ein sehr zugänglicher Text. (Was meiner Ansicht nach nur ein Pluspunkt sein kann) Will man einfach nur eine spannende Geschichte lesen, dann bekommt man eine solche hier geboten. Wer aber Spaß daran hat, Motive und Symbole zu interpretieren, dem werden von Der Horla ebenfalls keine Hürden in den Weg gelegt. Der unauflösbare Schluss bietet Potential für langes Rätseln.

Der Autor: Guy de Maupassant

Guy de Maupassant (1850 – 1893) war ein französischer Autor. Er konzentrierte sich vor allem auf erzählende Texte und schrieb über 300 Novellen. Obwohl er großen Erfolg hatte und von vielen anderen Autoren positiv gesehen wurde, betrachtete ihn die Kritik lange negativ. Er sei zu zugänglich.

Der Erfolg seiner Erzählungen tat ihm nicht gut. Ein Mix aus Syphilis, Drogen und psychischen Problemen führte zu einem frühen Tod. Häufige Bestandteile seiner Werke sind Pessimismus, Schicksalsbestimmtheit, amoralisches Handeln im Eigeninteresse und sämtliche Schichten der französischen Gesellschaft.

Verschiedene Titel des Autors (Auswahl):

  • Bel-Ami
  • Der Horla
  • Ein Menschenleben
  • Der Schmuck

Der Horla und Walter Moers

Der Text hat zwei Aspekte, die mich sofort an Stellen bei Walter Moers erinnert haben. Zunächst einmal hat die Form der Erzählung als Folge von Tagebucheinträgen eine offensichtliche Ähnlichkeit zu Dr. Kolibrils Nebelheimer Leuchtturmtagebuch in Rumo und die Wunder im Dunkeln.

Zum anderen gleicht die Schilderung des Erzählers von jenem drückenden Wesen, das Nachts auf seiner Brust sitzt und ihm die Kraft aussaugt doch sehr stark der Beschreibung des Nachtmahrs Havarius Opal in Prinzessin Insomnia. Hat Moers sich von Maupassant inspirieren lassen? Es würde mich nicht überraschen.

Daten und Links zum Buch

  • Autor: Guy de Maupassant
  • Titel: Der Horla
  • In: Von der Liebe und anderen Kriegen. Novellen
  • Übersetzer: Hermann Lindner
  • Verlag: dtv
  • Seiten: 42 (320 insg.)
Cover zu Guy de Maupassant - Von der Liebe und anderen Kriegen

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