Walter Scott – Ivanhoe
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Ein Klassiker des historischen Romans soll Ivanhoe von Walter Scott sein, hat man mir gesagt. Gut, mit englischsprachigen Klassikern kann man wenig falsch machen, dachte ich mir. Also her damit. Doch, so ehrlich muss ich sein, diesem Roman hat man sein Alter dann doch hier und da angemerkt. Unlesbar war er auf keinen Fall. Das wäre kein faires Urteil, denn grundsätzlich bringt der Plot alles für eine spannende Geschichte mit. Doch der Ausführung merkt man dann eben doch an, dass das Buch in Sachen historischer Roman eine Art Beta-Version ist. Woran liegt das?

Der Inhalt: Ritter, Richard, Robin Hood

Unsere Geschichte spielt in England, etwas mehr als 100 Jahre nach der Normannischen Eroberung. Die alten angelsächsischen Fürsten und die neue normannische Elite sind sich noch immer nicht grün. Unsere Hauptfigur Wilfried of Ivanhoe wird von seinem Vater Cedric sogar enterbt, nur weil der dem normannischen König Richard Löwenherz auf den Kreuzzügen die Treue hält.

Die Erzählung setzt ein, als der Templer Brian de Bois-Guilbert kehrt vom heiligen Land nach England zurückkehrt. In einer stürmischen Nacht wird er von einem Pilger an den Hof Cedrics geführt. Dort trifft auch der steinreiche Jude Isaac von York ein. Bois-Guilbert befiehlt seinen sarazenischen Soldaten, den Juden später in der Nacht zu kidnappen. Der Pilger hört dies und hilft Isaac zu fliehen.

Der kluge Isaac erkennt, dass der Pilger in Wahrheit ein Ritter ist und dankt es ihm mit einer Rüstung und einem Pferd. Er hat Recht, denn der Pilger ist natürlich unser Wilfried of Ivanhoe. Der Dank kommt ihm sehr gelegen, denn bald soll ein Turnier stattfinden und Bois-Guilbert wird ebenfalls dort sein. Zwischen beiden gibt es eine Rechnung zu begleichen.

„Herr Pilger“, sagte Brian de Bois-Guilbert verächtlich, „diese vorgetäuschte Vergesslichkeit kommt, nachdem Ihr Euch an so vieles erinnert habt, zu spät, um Eurem Zweck zu entsprechen. Ich selbst will den Namen des Ritters nennen, dessen Lanze mich durch Zufall und den Fehler meines Pferdes zu Fall brachte: Es war der Ritter Ivanhoe; es gab keinen unter den Sechsen, der gemessen an seinem Alter größeren Waffenruhm besaß.“

Walter Scott – Ivanhoe

Nach dem Turnier nehmen Isaac und seine Tochter Rebekka den verwundeten Ivanhoe auf. Jedoch werden sie von Rittern eines normannischen Grafen gefangen genommen und auf dessen Burg gebracht. Dort wartet auch Bois-Guilbert. Hoffnungslos verloren sind die Gefangenen aber nicht, denn ein Geächteter und seine Gefährten belagern die Burg: Robin von Locksley, alias Robin Hood.

Die Belagerung ist nicht das Ende aller Gefahr, denn Bois-Guilbert ist entkommen und er hat Rebekka mit sich genommen. Die Tochter des Juden wird wegen Hexerei angeklagt. Ivanhoe macht sich auf, sie zu retten.

Alles ist möglich für die, welche zu sterben wissen.

Walter Scott – Ivanhoe

Mein Fazit: Die Beta-Version des historischen Romans

Mit Ivanhoe bin ich nicht warm geworden. Der Reiz der Geschichte entstand beim Lesen vor allem über bekannte Figuren wie Robin Hood und Richard Löwenherz. Hier gab es zumindest Anknüpfungspunkte. Davon abgesehen merkt man dem Roman leider in vielen Aspekten sein Alter an und ebenso, dass er zu den ersten Vertretern seines Genres gehört.

Walter Scott arbeitet stark damit, historisch so authentisch wie möglich zu sein. Der ein oder andere Leser mag davon begeistert sein, mich aber hat es häufig in meinem Lesefluss unterbrochen, wenn Begriffe und Insiderwissen der Angelsachsenzeit ohne Erklärung auftauchten. Die Geschichte und Könige Englands vor der Normannischen Eroberung sind und bleiben eben Spezialwissen. (Und ich hatte dazu sogar ein Seminar an der Uni!)

Ein weiterer Punkt, den ich am Roman kritisch sehe, sind die Handlungsstränge. Davon gibt es nämlich mehrere, die in etwa gleich viel Raum einnehmen. An sich nichts Schlimmes, nur leider wirkt keiner davon besonders spannend oder wichtig. Zwar sind die Stränge natürlich miteinander verwoben, doch den einen Konflikt, der mich in seinen Bann gezogen hätte, gab es nicht.

Ähnlich ist es bei den Figuren. Auch hier gibt es mehrere Hauptfiguren, die einen vergleichbaren Anteil der Geschichte bekommen. Und auch hier fehlt die eine Perspektive, mit der ich mitgefiebert hätte. Die meisten Figuren haben in ihrem Verhalten auf mich steif und fremd gewirkt. Ich hatte keinen wirklichen Anknüpfungspunkt. Vermutlich ist das eine Nebenwirkung davon, dass Scott versucht, historisch maximal authentisch zu sein.

Am Ende bleibt das Fazit, dass man das Buch lesen kann, um es zu kennen – besonders wenn man Fan von historischen Romanen ist. Ein must-read kann ich es aber nicht nennen.

Der Autor: Sir Walter Scott

Walter Scott (© gemeinfrei)

Sir Walter Scott (1771 – 1832) war ein schottischer Autor. Wegen einer Polio-Erkrankung hatte er sein Leben lang ein gelähmtes Bein. Er studierte Jura und arbeitete als Anwalt. Seine Karriere als Schriftsteller begann mit Übersetzungen von Ballanden und eigener Versdichtung.

Seinen ersten Roman Waverly schrieb Scott 1814. Durch dieses Werk gilt er als Vater des modernen historischen Romans, in dem sich die Figuren ihrer eigenen Zeit entsprechend verhalten. Weil dieser so erfolgreich war, schrieb er in den Folgejahren zahlreiche ähnliche Texte. Die meisten seiner Werke spielen in Schottland.

Verschiedene Titel des Autors (Auswahl):

  • Waverly
  • Rob Roy
  • Die Braut von Lammermoor

Daten und Links zum Buch

  • Autor: Walter Scott
  • Titel: Ivanhoe
  • Übersetzer: Günter Jürgensmeier
  • Verlag: dtv
  • Seiten: 656

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