Michail Bulgakow – Das hündische Herz
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Das hündische Herz ist zwar einer der früheren Texte von Michail Bulgakow, wurde aber erst spät veröffentlicht. Die Satire brachte ihm Probleme mit der sowjetischen Zensur ein. Hauptfigur der Geschichte ist der Hund Lumpi, der durch Transplantation in einen Proleten verwandelt wird und von nun an mit der Moskauer Bürokratie und Gesellschaft zurechtkommen muss. Dass das nicht reibungslos von statten gehen kann, versteht sich von selbst.

Der Inhalt: Ein hündisches Herz und das Gehirn eines Kriminellen

Der Moskauer Straßenköter Lumpi ist kurz vor dem Tod. Er wähnt sich von Fortuna geküsst, als ihn der privilegierte Chirurg Filipp Filippowitch aufliest, in seiner großen Wohnung aufnimmt und mit mehr Essen verwöhnt, als Lumpi geträumt hätte.

Was Lumpi nicht ahnt, ist, dass er als Versuchskaninchen für ein Experiment des Professors dienen soll. Dieser forscht nämlich daran, Menschen durch Transplantationen zu verjüngen. Eines Tages bindet Filippowitch Lumpi auf den Operationstisch und pflanzt ihm Hypophyse und Hoden eines eben verstorbenen Kleinkriminellen ein. Was mit Lumpi in den Tagen danach passiert ist unglaublich: Er wird nicht etwa jünger, sondern verwandelt sich nach und nach in einen Menschen. Schon bald ist es nicht mehr der Straßenköter Lumpi, sondern der Bürger Polygraph Polygraphowitsch Lumpikow, den der Professor in seiner Wohnung hat.

Lumpikow ist keinesfalls dankbar und untertänig. Er hat das aufmüpfige Temperament eben jenes Kleinkriminellen und dazu das Herz eines Straßenköters. Er wird zunehmend klüger und je mehr er die Umstände seines neuen Daseins kennenlernt, umso mehr kommt es zwischen ihm und Filipp Filippowitsch zu Streitigkeiten. Die Schöpfung des Professors ist eine unausstehliche Bestie.

Lumpikow nutzt alle Rechte, die ihm das politische System bietet, aus – etwa das Recht weiter in der Wohnung des Professors zu bleiben. Dazu verschafft er sich ein Amt bei der Stadt Moskau und versucht sogar, dieses zu nutzen, um Filippowitsch zu denunzieren. Doch dem Professor bleiben Mittel und Wege, sich zur Wehr zu setzen.

Satirische Kritik an… wem eigentlich?

Der Text wurde in der Sowjetunion erst 1987, 62 Jahre nach Entstehen, veröffentlicht. Bulgakows Verleger hatte Angst vor der Zensur – zu Recht. Das hündische Herz wurde gelesen und für revolutionsfeindlich befunden. Dieses Urteil wirkt auf den ersten Blick konsequent. Liest man den Text, drängt es sich geradezu unweigerlich auf, das Gelesene politisch zu interpretieren.

Doch ganz so einfach ist es dann doch nicht. Bulgakows Geschichte ist nicht so einseitig geschrieben, wie man meinen würde. Es gibt weder den einen „Bösen“, noch einen klaren Sympathieträger. Man kann es nicht klar zuteilen, wer kritisiert werden soll. Die Regierung? Die Intellektuellen? Die Arbeiter? Das Volk? Jede der Figuren ist in einem oder mehreren Aspekten völlig überzeichnet und wirkt dadurch skurril. Wechselseitig steigern sich die Charaktere in diverse Lächerlichkeiten. Zielscheiben für Kritik und Spott gibt es also an jeder Ecke.

„Nein, also wirklich, ergebensten Dank, die Freiheit, die kann mir geschenkt bleiben“, schnaufte der Köter Wehmütig, „Gewohnheitssache. Ich bin ein hochherrschaftlicher Hund, ein Intellektueller, ich kenne die Sonnenseite des Lebens. Was soll diese Freiheit denn überhaupt sein? Ein Luftschloss, ein Traumbild, eine Fiktion … Ein Hirngespinst dieser elenden Demokraten…“

Michail Bulgakow – Das hündische Herz

Meine Meinung zu Das hündische Herz

An dieser Stelle möchte ich zuerst den Übersetzer loben. Alexander Nitzberg hat eine deutsche Version geschaffen, die sich angenehm lesen lässt. Der Text nimmt von Beginn an mit. Das liegt auch daran, dass Bulgakow mit hohem Tempo erzählt. Übermäßig lange Beschreibungen sucht man vergebens, die Handlung geht rasant voran.

Zusätzlich zur gebotenen Action besticht Das hündische Herz mit einer Menge Witz. Das Benehmen des Hundes, bzw. des Genossen Lumpikow ist frech und skandalös. Auch Filipp Filippowitsch ist kein Heiliger, er nutzt seine privilegierte Stellung in der Moskauer Gesellschaft schamlos und egoistisch aus. Die Kombination beider Charaktere führt zu zahlreichen Absurditäten und macht Kritikpunkte am System bitterböse sichtbar.

Drei wichtige Motive der Geschichte

Der neue Mensch

Der Chirurg Filipp Filippowitsch forscht im Bereich der Transplantation, um Menschen zu verjüngen. Was er aus dem Hund Lumpi erschafft, ist ein völlig neuer Mensch. Äußerlich ein Wunder, innen aber hässlich.

Analog dazu kann man die politischen Bestrebungen sehen, im Zuge der Revolution das Denken der Menschen zu ändern und so ebenfalls einen „neuen Menschen“ zu schaffen.

Abhängigkeit

Lumpikow wäre manchmal gerne frei und von Filipp Filippowitsch unabhängig.

Gleichzeitig ist ihm das unmöglich und er verzichtet von selbst auf seine Freiheit, denn er braucht den Chirurgen. Ohne diesen hat er weder Wohnung noch Nahrung, es ist ihm nicht möglich, für sich selbst zu sorgen. Auch hier drängt sich die politische Lesart auf.

Sozialismus

Der Text lädt dazu ein, politisch gelesen und interpretiert zu werden.

Nicht nur, dass Lumpikow selbst beginnt, Marx zu lesen, auch gesellschaftliche Fragen wie Wohnungsprobleme oder Sonderprivilegien für einzelne sind ein essentieller Teil der Geschichte.

– Das ist einzig ihr Problem -, sprach Schwonder mit stiller Sachdenfreude, – ob er kam oder nicht kam … Im großen Ganzen war es doch ihr Experiment, Professor! Und somit ist der Bürger Lumpikow ganz allein Ihre Fabrikation.

Michail Bulgakow – Das hündische Herz

Der Autor: Michail Bulgakow

Michail Bulgakow (1891 – 1940) war ein russischer Autor. Er studierte Medizin und war als Arzt für die Armee tätig, bevor er als Kolumnist und Reporter für mehrere Zeitungen tätig war. In den 20er Jahren begann er außerdem, Prosa zu veröffentlichen, Romane sowie Dramen.

Weil seine Werke bei der politischen Führung nicht gut ankamen, wurden sie ab 1930 nicht mehr veröffentlicht. Er konnte zumindest eine Stelle als Assistent am Theater bekommen. Sein bekanntestes Werk, Der Meister und Margarita wurde erst 1966 veröffentlicht. Häufige Themen seiner Werke sind Satire, der Alltag in der sowjetischen Gesellschaft und grotesker Humor.

Verschiedene Titel des Autors (Auswahl):

  • Der Meister und Margarita
  • Die weiße Garde

Daten und Links zum Buch

  • Autor: Michail Bulgakow
  • Titel: Das hündische Herz
  • Übersetzer: Alexander Nitzberg
  • Verlag: dtv
  • Seiten: 176
Cover zu Michail Bulgakow - Das hündische Herz

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