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Walter Moers – Die 13 1/2 Leben des Käpt’n Blaubär

Käpt’n Blaubär erzählt uns seine Lebensgeschichte. Allerdings nur die Hälfte davon, denn „Ein Bär muß seine dunklen Seiten haben, das macht ihn attraktiv und mysteriös.“ Gut möglich also, dass Blaubär uns auch in Sachen Wahrheit nur die Hälfte erzählt. 
Doch wer mag das beurteilen, denn Blaubärs (erste) 13 1/2 Leben sind eine wilde Reise über Zamonien, einen Kontinent, der heute im Meer versunken ist, und auf dem alles möglich scheint. Die Reise führt von einer Nussschale auf dem Meer, in der das ausgesetzte Findelkind treibt, durch Berge, Wälder, Wüsten und Gehirne bis in die Stadt Atlantis, wo Blaubär als Lügengladiator zum gefeierten Star wird.


Der größte Lügner Zamoniens – Ein unzuverlässiger Erzähler

Warum sollten wir dem Bären irgendetwas davon glauben, was er uns erzählt? Schließlich kennen wir ihn. Wer hat Blaubär nicht in der Sendung mit der Maus gesehen, wo er in seinem Kutter auf der Felsklippe seinen drei Enkeln Lügenmärchen auftischt? Genau dieser Bär will uns nun seine Lebensgeschichte unterjubeln, die vor unglaublichen Wahrscheinlichkeiten nur so strotzt. Er gibt es selbst zu: das was ihm passiert ist „Wahrscheinlich rein rechnerisch das unmöglichste Ereignis des Universums – das würde mir kein Mensch glauben.“

Blaubär ist von Anfang an ein absolut unzuverlässiger Erzähler. Er versteckt es nicht, er spielt damit, ist sogar stolz drauf, dass beim ihm das Lügen eine „offensichtlich angeborene Fähigkeit“ ist. Sein Spontantalent lässt ihn schließlich zum größten Lügner von ganz Zamonien werden. Viele der 13 1/2 Leben des Käpt’n Blaubär sind nur Schritte auf seinem Weg zum Meisterlügner.
Großzügig wie er ist, erklärt uns Blaubär sogar, was einen guten Lügenerzähler ausmacht:

Jeder kann sich hinstellen und eine platte Lüge von sich geben, das ist keine Kunst. Das Geheimnis besteht darin, den Zuhörer an sie glauben zu lassen. Und wie jede wirklich große Kunst besteht auch die des Lügens aus Fleiß und zahlreichen Schichten. Der Maler streicht Schichten von farbigen Pigmenten und Lasuren übereinander, der Musiker komponiert Lagen aus Melodien, Rhythmen, Stimmen und Instrumenten, der Schriftsteller fügt Wortschicht für Wortschicht übereinander, und der Lügner stapelt Lügen zum Meisterwerk. Ein guter Schwindel muß sein wie eine solide Backsteinmauer, geduldig Lage auf Lage gefügt und darum als Ganzes unerschütterlich.

– Die 13 1/2 Leben des Käpt’n Blaubär

Eine Lüge ist etwas kunstvoll geformtes, so wie eine Mauer oder ein Bild. Oder eben wie jede andere Geschichte. Jede Erzählung ist Konstruktion. Wo die Grenze zwischen Lüge und Fiktion ist, ob es diese Grenze überhaupt gibt, darüber haben schon die alten Griechen gestritten. Ist nicht jeder Erzähler irgendwo auch ein Lügner? Blaubär macht uns die Ähnlichkeit noch einmal deutlich, denn „Schriftsteller sind, abgesehen von Politikern, die besten Lügner, von ihnen kann man am meisten lernen.“

Blaubär erzählt von Ereignissen auf einem Kontinent, der längst untergegangen ist. Niemand ist da, der nachprüfen kann, ob irgendetwas davon stimmt. Für Blaubär hat das einen großen Vorteil: Er kann erzählen, was immer er will, frei von irgendwelchen Limits.
Doch auch für uns Leser gilt dieser Vorteil: Im Prinzip kann uns völlig egal sein, ob der Bär auch hier wieder lügt. Hauptsache seine Geschichte ist gut gemauert und unterhält uns.

Meine Meinung zum Buch

Die 13 1/2 Leben des Käpt’n Blaubär war vor über 15 Jahren mein erster Moers. Dass ich gar nicht mehr sagen kann, wie oft ich das Buch mittlerweile gelesen habe, spricht für sich.

Zamonien ist anders als andere Fantasywelten. Es ist bunt, komisch, skurril. Anspielungen und Witz finden sich überall, Walter Moers vermischt für die Bewohner Zamoniens Inspiration aus verschiedenen Quellen mit Eigenkreationen.

Ein Leben beginnt gewöhnlich mit einer Geburt – meins nicht.

Die 13 1/2 Leben des Käpt’n Blaubär

Von allen Zamonienromanen ist der Blaubär wohl der humorvollste. Was Blaubär berichtet, berichtet er mit einem Augenzwinkern. Wir haben das Leben eines Lügners vor uns, kein Wunder also, dass es bis oben hin mit Spektakel und Sensation ausgeschmückt ist. Blaubär vollbringt die größten vorstellbaren Heldentaten, schlägt alle denkbaren Wahrscheinlichkeiten und besucht Orte, die so unglaublich sind, dass man sie für erfunden halten muss.

Oder kurz: Die 13 1/2 Leben des Käpt’n Blaubär ist ein Buch, das Spaß macht.

Wie bei allen Büchern von Moers empfehle ich, es unbedingt als Hardcover zu kaufen, um in den vollen Genuss der optischen Gestaltung zu kommen.

Die beiden Versionen des Buchs

„Classic“ und farbige Auflage

1999 erschien Die 13 1/2 Leben des Käpt’n Blaubär zum ersten Mal. Nach etlichen Comics war das Buch der erste Roman, den Walter Moers veröffentlichte. Man merkt den Zeichnungen dieser Ausgabe den Comicstil noch deutlich an. Die Illustrationen in späteren Romanen haben deutlich mehr Details und Schraffuren.

2013 schließlich gab es das Buch als farbige Neuausgabe. Walter Moers hat für diese Ausgabe mit Florian Biege zusammengearbeitet, der schon die Graphic Novel-Umsetzung von Die Stadt der träumenden Bücher mitgezeichnet hat. Sämtliche Illustrationen wurden koloriert, die Zamonienkarte am Anfang wurde durch eine neue Version ausgetauscht und die Typographie im Buch wurde hier und da eingefärbt.
Ein paar der großartigen kolorierten Grafiken kann man auf der Homepage von Florian Biege anschauen, oder auch in der Galerie auf zamonien.de. Ich bin mir sicher, man könnte gutes Geld verdienen, würde man die ein oder andere als Poster anbieten.

In diesem Interview erzählt Florian Biege etwas mehr über die Arbeit an der Neuauflage.

Natürlich verändern sich das Buch und die Lesart durch die Farbe. Die einzelnen Kapitel sind stärker voneinander abgegrenzt und als einzelne Einheiten sichtbar, die Atmosphäre der einzelnen Kapitel wird noch einmal zusätzlich betont. Die Bewohner Zamoniens werden sehr viel plastischer und lebendiger. Insgesamt wird man noch sehr viel stärker in den Kontinent hineingesogen.

Plötzlich wurde mir bewußt, daß die Schilderung meines Lebens in Kurzform den Eindruck von Geisteskrankheit vermitteln mußte.

Die 13 1/2 Leben des Käpt’n Blaubär
Die Daten zum Buch
Autor: Walter Moers
Titel: Die 13 1/2 Leben des Käpt’n Blaubär
Jahr: 1999 (s/w), 2013 (farbe)
Seiten: 704
Verlag: Eichborn (s/w), Knaus (farbe)
Kaufen: Amazon (Affiliate-Link)


Zum Schluss ein Fun Fact: 
In der Antarktis wurde vor ein paar Jahren ein kleiner unterseeischer Berg nach Professor Dr. Abdul Nachtigaller benannt: Der Nachtigaller Shoal.

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