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Jack London – Der Seewolf

Jack Londons Der Seewolf ist ein spannendes und vielschichtiges Buch. Davon abgesehen, dass die Geschichte unterhaltsam ist, hat Jack London viele philosophische Fragen in den Text eingewebt. Die Palette reicht von Darwin bis Nietzsche, von der Bibel bis Milton.
Mit Wolf Larsen hat er dabei einen unfassbar faszinierenden Antagonisten geschaffen. Das grausame und tragische Weltbild Larsens erkläre ich ganz unten (kurz?), deshalb ist dieser Beitrag etwas länger als gewohnt.

Der verweichlichte Literaturkritiker Humphrey van Weyden wird nach einem Schiffsunglück in letzter Minute aus dem Wasser gezogen. „Glück gehabt“ mag man meinen, doch das Schiff, das ihn aufliest, ist die „Ghost“, der Robbenjäger des für seine Brutalität berühmten Kapitäns Wolf Larsen.

Der Seewolf auf dem Höllenschiff

Weil gerade ein Matrose gestorben ist, zwingt Larsen Humphrey dazu, während der nächsten Fahr auf der Ghost zu arbeiten. Wehrlos und schwächlich wie er ist, muss Humphrey sich am unteren Ende der Bordhierarchie einordnen.

Er wird Zeuge zahlreicher Grausamkeiten, denn auf der Ghost gilt das Recht des Stärkeren: „Might is right.“
Seine Lage bessert sich, als Larsen herausfindet, dass Humphrey sich mit Literatur auskennt, denn der Kapitän selbst entpuppt sich als überraschend gebildeter Autodidakt. In ihren Diskussionen über die Natur des Lebens erkennt Humphrey schnell, woher Larsens Grausamkeit stammt. Seine Philosophie des Lebens ist düster und ernüchtert.
Auch dass sein Körper sich der rauen Umgebung anpasst, hilft Humphrey dabei, sich eine bessere Position auf der Ghost zu erkämpfen.

Eines Tages werden nach einem Sturm drei weitere Schiffbrüchige aus den Wellen gezogen. Unter ihnen ist die gefeierte Autorin Maud Brewster. Humphrey bewundert sie schon lange und auch Wolf Larsen beginnt sich für sie zu interessieren.
Um Maud vor dem Seewolf zu retten, muss Humphrey mit ihr in einem kleinen Ruderboot von der Ghost fliehen und hoffen, irgendwann Land zu erreichen, bevor ihre Verfolger sie einholen.
Der weichliche Kulturmensch muss sich dem Seewolf stellen.

Der vordergründige Leser wird die Liebesgeschichte und das Abenteuer bekommen; während der tiefere Leser alles das bekommt, plus das größere Ding, das darunter liegt.

Jack London über Der Seewolf

Ein Meisterwerk

Der Seewolf ist ein packendes Buch. Das liegt vor allem an Wolf Larsen, der eine der faszinierendsten Figuren ist, die ich kenne.
Wer sich nur auf den Plot konzentriert, der sieht vielleicht wirklich nur eine „platte Liebesgeschichte voller Klischees“, wie man es in manchen Rezensionen lesen muss. Doch wer die Augen nicht komplett vor den philosophischen Fragen verschließt, der kann sich einen wahren Schatz ins Regal stellen.

Lutz-W. Wolff hat es mit seiner Neuübersetzung geschafft, den Text so zu übersetzen, dass er angenehm lesbar ist, ohne dass dabei bei den zahlreichen Literaturzitaten und philosophischen Diskussionen etwas verloren gehen würde. Ich kann diese Übersetzung sehr empfehlen.
Fachbegriffe aus der (Segel)schiffahrt werden im Anhang kurz erläutert und helfen ebenso wie die Quellenverweise und Hintergründe zu der in der Geschichte zitierten Literatur dabei, den Text noch besser zu verstehen.

Besser in der Hölle herrschen, als im Himmel dienen.

Jack London – Der Seewolf

Die Daten zum Buch

Autor: Jack London
Titel: Der Seewolf
Jahr: 1904
Seiten: 416
Verlag: dtv
Übersetzer: Lutz-W. Wolff
Kaufen: Verlag | Amazon (Affiliate-Link)

Was macht den Seewolf böse und tragisch zugleich? – Wolf Larsens Philosophie

Wie Jack London selbst sagt, steckt in Der Seewolf weit mehr als nur eine Abenteuergeschichte.
In Humphrey van Weyden und Wolf Larsen prallen zwei unterschiedliche Philosophien über das Leben aufeinander. Übermäßige Kultur trifft auf übermäßige Wildheit.

Ich habe zu diesem Thema vor einiger Zeit eine ca. 20-seitige Arbeit geschrieben.
Sie hier kurz zusammenzufassen und der Sache dabei wirklich gerecht zu werden, ist fast unmöglich. Ich versuche es trotzdem, aber viele spannende Details fehlen zwangsläufig.

Es ist Wolf Larsens Weltbild, das ihn zu einer der faszinierendsten Figuren macht, die mir in der Literatur bislang untergekommen sind.
Obwohl er durch und durch ein rücksichtsloser Tyrann ist, ist es kaum möglich, den Kapitän wirklich zu hassen. Larsen bringt Tragik mit sich und ist im Inneren von Traurigkeit erfüllt, so dass man ihn als Leser immer auch bemitleidet.

Wolf Larsen stammt aus ärmlichen Verhältnissen. Früh heuerte er auf Schiffen an und kämpfte sich die Hierarchie empor. Alles, was er weiß, hat er sich selbst beigebracht, Larsen ist Autodidakt. Doch die Bücher, die er gelesen hat, haben zu einer düsteren Philosophie geführt.

Wie Humphrey feststellt, ist Larsen ein Materialist, ein Nihilist und ein Hedonist.
Das Leben ist für ihn Selbstzweck, einen höheren Sinn gibt es nicht und wenn es vorbei ist, ist es vorbei. Deshalb gilt vor allem eines: Fressen und Gefressen werden. Ein jeder muss versuchen, der stärkste zu sein und sich so an die Spitze der Hierarchie zu bringen. Eigeninteresse steht über allem. Jeder kämpft für sich allein, es ist sogar die Pflicht, anderen gegenüber gnadenlos zu sein und so das eigene Leben zur maximalen Blüte zu bringen. Dies ist der einzige Wert, der gilt.

Alle sonstigen Werte und Moral sind nur bloße Illusion des Geistes, sie entsprechen keinen Tatsachen. Deshalb wäre es auch unsinnig, sich an ihnen zu orientieren, so wie es Humphrey und Maud tun.
Warum er angesichts dieser Aussichtslosigkeit nicht einfach den Tod sucht? Weil das Leben sich selbst erhalten will. Es wäre Frevel am eigenen Leben, es wegzuwerfen.

Das Leben ist ein Mangel an Befriedigung, aber der Blick auf den Tod ist noch unbefriedigender.

Wolf Larsen

Dem ganz entsprechend zitiert Larsen Luzifer aus John Miltons Paradise Lost: „Besser in der Hölle herrschen als im Himmel dienen.“
Mit der Ghost hat Larsen sich die Umsetzung dieser Hölle geschaffen.

Eines muss man dabei klarstellen: Wolf Larsen ist nicht amoralisch. Er kann es gar nicht sein, denn sein Denken ist wie erwähnt völlig frei von jeder Moral.

Dass dieses Denken zu tiefer Traurigkeit und Freudlosigkeit führt, ist Larsen selbst völlig bewusst.

Wissen Sie, manchmal ertappe ich mich dabei, dass ich mir wünsche, gegenüber den Fakten des Lebens genauso blind zu sein und nur Fantasien und Illusionen zu kennen. Sie sind natürlich falsch, ganz falsch und widersprechen dem Verstand; aber mein Verstand sagt mir, ganz unsinnigerweise, dass zu träumen und Illusionen zu haben mehr Freude bereitet. Und Freude ist schließlich die Belohnung im Leben. Ohne Freude ist das Leben ein wertloser Akt.

Wolf Larsen

Die einzigen Momente, in denen er Freude verspürt sind die, in denen er einen Kampf um das eigene Leben führt, wie beispielsweise im Kampf gegen Stürme und Unwetter.

Die eine große Frage, die Larsen nicht beantworte kann, ist die, „wozu das eigentlich alles gut ist“. Er philosophiert sich selbst in eine Art freudlose Depression und das ist es, was Wolf Larsen bei aller Grausamkeit so bemitleidenswert und tragisch macht.

Maud und Humphrey dagegen können glücklich werden, denn sie schaffen es, die auf der bloßen Härte der Natur basierende Philosophie Larsens durch ihre Werte und Ideale, durch ihren Geist, um genau die Dinge zu erweitern, die ihnen ein angenehmes Miteinander und Freude möglich machen.

Ich hoffe, dass ich euch – auch wenn ich mich hier möglichst kurz fassen wollte – zeigen konnte, dass Der Seewolf ein tatsächlich sehr philosophischer Roman ist, der gnadenlos unterschätzt wird, wenn man ihn als Abenteuergeschichte abstempelt. Die Frage nach einem „guten Leben“ findet man bei Jack London ständig und hier ist die Umsetzung ganz besonders gut gelungen.
Ich möchte dieses Meisterwerk jedem ans Herz legen.

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